In dieser Woche hatte ich ein Interview für eine große deutsche Frauenzeitschrift. Dabei wurde ich unter anderem gefragt:
„Warum richten Sie sich mit ihren Angeboten speziell an Frauen?“
Die kurze Antwort auf diese Frage ist: „Weil wir mehr Frauen in der Ornithologie brauchen!“ Und die lange Antwort gibt’s in diesem Blogpost:
Aber bevor wir einsteigen, lass uns kurz mal zwei Begriffe definieren: Frau und Zielgruppe.
Frau: Wenn ich sage, ich richte mich an Frauen, meine ich mit damit alle Menschen, die sich selbst als Frau definieren, und schließe dabei alle ein, die sich selbst nicht als Mann definieren.
Zielgruppe: Dass ich mich an Frauen richte, bedeutet nicht, dass ich Männer ausschließe (außer bei meinen Reisen). Männer sind grundsätzlich mitgemeint und dürfen gerne bleiben, aber sie sind nicht meine eigentliche Zielgruppe. Das ist wie bei einem der großen Baumärkte, der sein Marketing eindeutig an einen bestimmten Typ Heimwerker richtet. Alle anderen dürfen dort aber trotzdem einkaufen. Und Menschen mit einer Professur dürfen auch bei Aldi einkaufen, selbst wenn das Ladenkonzept nicht für sie erfunden wurde. Das bedeutet Zielgruppe.
Warum Frauen in der Vogelbeobachtung unterrepräsentiert sind
Seit es die Ornithologie gibt, ist sie von Männern besetzt. Das liegt natürlich zum einen daran, dass Männer alle wissenschaftlichen Bereiche dominiert haben (wobei ich mir unsicher bin, ob ich da die Vergangenheitsform bemühen sollte). Wie dieser westlich-männliche Blick noch immer unser Bild der Vögel verzerrt, habe ich bereits in diesem Blogpost zum Thema Feminismus & Ornithologie erzählt.
Im Hobbybereich liegt die männliche Dominanz aber auch mit daran, dass Vogelbeobachtung Männern einen prima Grund gab, Entspannung in der Natur finden zu können, ohne zwangsläufig ein anderes Lebewesen töten zu müssen. Gleichzeitig konnten sie von zuhause entkommen, wo ständig irgendein Kind was von einem will oder irgendeine Verantwortung übernommen werden muss.
Es ist doch ganz erstaunlich, dass auch Väter jahrhundertelang viel Zeit für zweckfreie Hobbys wie Fußballspielen, Briefmarkensammeln, Biertrinken oder auch Vogelbeobachtung hatten, während sich Mütter den Luxus eines Hobbys, das über das Produzieren von familienrelevanten Ergebnissen hinausgeht, auch heutzutage noch hart erkämpfen müssen. Kein Wunder, dass Frauen jahrhundertelang keine Gelegenheit hatten, zum Vogelgucken zu gehen.
Warum ich kein Einzelfall bin
Ich habe mich in den ornithologischen Gruppen, auf die ich im Laufe der Jahrzehnte so traf, meist nicht wohl gefühlt. Grade zu Anfang meiner Karriere wollte ich keine detailverliebten Diskussionen über den Mauserstatus von lateinisch benannten Arten führen. Ich wollte nicht über „Optik“ fachsimpeln (also über Spektive, Ferngläser und Co.) oder meine Sichtungslisten vergleichen. Ich wollte nicht nur auf die seltenen Arten schauen oder für einen verirrten Vogel durch die halbe Republik rasen.
Ich freue mich für alle, die sich in bestehende Gruppen einfinden können und dort gute Erfahrungen machen. Die gibt es, keine Frage! Ich weiß aber auch, dass ich nicht einfach nur die Einzige bin, die da halt mal ein bisschen Pech hatte, sondern dass es ein strukturelles Phänomen ist.
Männer schaffen Räume, in denen sich andere Männer wohlfühlen und richten diese Räume auf ihre Interessen aus. Das ist absolut logisch und verständlich. In diesen Räumen fühlen sich Frauen nicht zwangsläufig wohl. Und wenn Mann das nicht reflektiert, ändert sich da auch nichts von alleine.
Wie ich das ändern will
Für Menschen, die sich in den bestehenden Strukturen im Orni-Bereich nicht wiederfinden, habe ich eine Alternative geschaffen. Ich öffne mit meinen Angeboten Räume, in denen sich Frauen wohlfühlen, weil sie auf sie ausgerichtet sind. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, soll Frauen nicht länger davon abhalten, die positive Wirkung, die Vögel auf unser Wohlbefinden haben, erleben zu können.
Unser Bild von Ornithologie ist nach wie vor sehr männlich geprägt. Das sieht man auch immer wieder schön in deutschen Vorabendserien, in denen Vogelfans auftreten: Sie sind männlich, verschroben und in Tarnkleidung unterwegs. Dass Vogelbeobachtung auch für Frauen toll sein könnte, ist schon eine wilde Transferleistung, wenn Vorbilder fehlen. Deshalb möchte ich ein Vorbild für Frauen sein und ihnen zeigen, dass es auch für sie eine Möglichkeit ist, Vögel zu entdecken.
Warum wir mehr Frauen in der Ornithologie brauchen
Es ist wichtig, dass wir mehr Frauen an Bord haben, die Vögel wahrnehmen, denn nur was wir sehen und schätzen, wollen wir auch schützen. Frauen sind wichtige Multiplikatorinnen in unserer Gesellschaft. Sie halten ihr Wissen in der Regel nicht als Herrschaftswissen zurück, sondern teilen es: mit ihren Kindern, ihren Enkel*innen, ihren Freundinnen, mit der Gesellschaft. Wissen, das man an Frauen gibt, zieht Kreise.
So, wie es um Vögel und unsere Welt zurzeit bestellt ist, können wir es uns nicht länger leisten, auf den wertvollen Blick von Frauen zu verzichten.
Und wegen all dem richte ich mich mit meiner Arbeit an Frauen.












0 Kommentare