Am Anfang meines Vögel-entdecken-Kurses stellen sich Teilnehmerinnen immer und immer wieder dieselbe Frage, wenn wir über Ferngläser reden: „Brauche ich nicht eigentlich auch ein Spektiv?“ Viele, die sich das fragen, haben zu dem Zeitpunkt auch noch kein Fernglas, aber irgendwo aufgeschnappt, dass ohne Spektiv da draußen eigentlich gar nichts geht.
Ich kann diese Verunsicherung sehr gut nachvollziehen. Dahinter steckt meist die Sorge, ohne die passende Ausrüstung gar nicht richtig loslegen zu können oder zu dürfen und der Wunsch, von Anfang an alles richtig zu machen.
Und deshalb gebe ich darauf auch eine ganz klare Antwort: Nein, du brauchst kein Spektiv. Jedenfalls nicht am Anfang.
Fernglas und Spektiv: Was ist das eigentlich?
Kurzer Einschub, damit wir über dasselbe reden: Ein Fernglas kennst du bestimmt. Das ist dieses Dings mit zwei so verbundenen Röhren (Okularen), die du dir mit beiden Händen vor die Augen hältst und dann an einem Rädchen drehst, um Vögel besser zu sehen. Es vergrößert moderat, meistens 8- oder 10-fach, ist im besten Fall handlich und für den normalen Beobachterinnen-Alltag, einen Spaziergang oder eine Wanderung gebaut. Hochheben, durchgucken, freuen.
Ein Spektiv dagegen ist wie ein kleines Fernrohr (und wird auch häufig so genannt). Es hat nur ein Okular/Rohr, vergrößert aber deutlich stärker: oft 20- bis 60-fach. Dadurch siehst du Details, die du mit dem Fernglas noch nicht mal erahnen kannst.
Aber die Sache hat natürlich einen Haken: Es ist so schwer, dass du es nicht ruhig in der Hand halten kannst. Du brauchst ein Stativ. Und das musst du rumschleppen, aufbauen, das Spektiv draufbasteln, ausrichten und derweil immer hoffen, dass der Vogel danach immer noch da ist. Schnell mal eben gucken geht damit nicht.
Ach, und Optik, DIE Optik. Das ist ein Sammelbegriff, den Vogelbeobachtende für ornithologische Sehhilfen wie Spektiv und Fernglas nutzen.
Der Horcrux des Vogelguckens
Ich will ehrlich sein: Mein Spektiv ist für mich oft auch ein Horcrux. Der Begriff „Horcrux“ stammt aus dem Harry-Potter-Universum und beschreibt einen Gegenstand, in den ein magischer Mensch mithilfe eines dunklen Zaubers einen Teil seiner Seele versteckt hat, um unsterblich zu werden. Durch die finstere Macht, die er ausströmt, wird man gereizt und übellaunig, wenn man so einen Horcrux mit sich rumschleppt. Und da das Spektiv schwer zu tragen und unhandlich ist, nervt es mich beim Rumschleppen früher oder später und ich verfluche es leise innerlich. Oder auch mal laut, wenn es ganz mies läuft.
Es zusammengeklappt in oder an einen Rucksack zu stecken ist noch die beste Option – auch wenn es ewig dauert, es rauszuholen und aufzubauen. Und wenn ich es montiert auf der Schulter durch die Landschaft trage, hole ich mir im schlimmsten Fall blaue Flecken. Weite Wege damit zu gehen, ist also meist uncool.
Warum schleppe ich das Spektiv dann trotzdem durch die Gegend?
Der Moment, als mir das Fernglas nicht mehr reichte
Ich war sehr lange nur mit meinem Fernglas sehr glücklich. Im Alltag bin ich es noch immer und habe es fast immer dabei. Selbst wenn ich mal kurz in die Stadt radele oder zur Ärztin muss, ist es in meiner Tasche.
Aber irgendwann bin ich immer öfter zu einem Polder gefahren, einer großen, weitläufigen Wasserfläche mit Inseln in der Mitte, auf denen sich viele Vögel aufhalten. Und mit meinem Fernglas sah ich zwar, dass da grundsätzlich irgendwelche Vögel landeten, standen, liefen. Ich war mir aber nicht mal sicher, ob das Weiße da in der Mitte ein Silberreiher oder eine Möwe war. Von den kleinen braunen Watvögeln, von denen ich bestenfalls Bewegungen erahnen konnte, ganz zu schweigen.
Ich wusste aber auch, dass ich öfter an diesen Polder zurückkehren würde, weil er von meinem damaligen Wohnort ein gutes, leicht zu erreichendes Gebiet ist. Und mir war klar, dass sich für genau diesen Ort ein Spektiv lohnen würde. Deshalb habe ich mir eins gekauft und schleppe es seitdem regelmäßig durch die Gegend.
Meine Faustregel
Kein Vogelfan muss ein Spektiv haben, egal wie fortgeschritten sie oder er ist. Eigentlich braucht man noch nicht mal zwingend ein Fernglas. Wenn man aber eine Sehhilfe will, würde ich für den Einstieg immer zum Fernglas raten, nicht zum Spektiv. Ein Fernglas kannst du überallhin mitnehmen, spontan und ohne großen Aufwand. Und du hast es sofort zur Hand, wenn du es brauchst.
Ob du irgendwann zusätzlich ein Spektiv brauchst, hängt vor allem davon ab, wo du unterwegs bist.
Auch wenn gerne behauptet wird, kein Vogelfan käme früher oder später an einem Spektiv vorbei, sehe ich das anders. Wenn du hauptsächlich im städtischen Kontext beobachtest, beim Spaziergang oder auf Wanderungen, lohnt es sich eher nicht.
Ein Spektiv zahlt sich erst aus, wenn du weißt, dass du regelmäßig an einen ganz bestimmten Ort gehst, an dem immer wieder viele Vögel in größerer Entfernung vorkommen, die du stationär beobachten willst. Das könnte eine Wasserfläche, ein Brutplatz oder die Wattflächen der Nordsee sein.
Was ich von der „kauf das teuerste“-Regel halte
Von gestandenen Ornithologen und anderen Männern wird häufig empfohlen, man solle ins Fachgeschäft gehen, mehrere Modelle ausprobieren und dann das teuerste kaufen, das man sich leisten kann. Das halte ich für nicht zielführend. Jede und jeder von uns hat andere Ansprüche an ein Fernglas oder ein Spektiv.
Wenn man den Wunsch hat, mit dem Fernglas oder dem Spektiv Eindruck zu schinden und grundsätzlich und aus Prinzip einen Porsche toller findet als einen VW (nicht, dass ich hier Werbung machen wollte oder gar wüsste, über was für Autos ich hier eigentlich rede, aber du verstehst die Idee dahinter), dann mag die „kauf das teuerste Modell“-Regel sinnvoll sein. Aber wenn man andere Prioritäten setzt, dann sollte man sich erstmal klarwerden, was einem am wichtigsten ist. Denn jedes Fernglas und jedes Spektiv sind nur Kompromisse. Es gibt keine One-Size-Fits-All-Lösungen.
Mir ist bei meiner Optik vor allem wichtig, dass sie robust und handlich ist, weil ich sie im Zweifel überallhin mitnehmen will. Mein Fernglas kippt immer mal wieder von der Bank und ist mir auch schon aus fünf Meter Höhe von einem Beobachtungsturm heruntergefallen.
Wichtiger als der Preis oder das Prestige ist mir, dass ich meine Ausrüstung wirklich immer dabeihabe, ohne mir dauernd Sorgen um sie machen zu müssen oder einen Herzinfarkt zu bekommen, wenn sie mal wieder fällt. Teure Optik finde ich persönlich komplett überbewertet.
Fazit
Ein Spektiv ist auf keinen Fall ein Muss. Es ist eher ein Hilfsmittel für eine ganz bestimmte Situation. Dann kann es sinnvoll sein, als Ergänzung zu einem Fernglas, wenn man das Gefühl hat, dort dauerhaft zu viel zu verpassen. Statt mit einem Spektiv starte also lieber mit einem Fernglas, das du magst und das du gerne dabeihast. Und falls der Moment für ein Spektiv gekommen ist, wirst du es wissen.
Wenn du dich noch grundsätzlicher fragst, welches Fernglas zu dir passt: Genau das gehe ich in meinem „Vögel-entdecken- Kurs“ durch, Schritt für Schritt und ohne Fachchinesisch. Hier findest du alle Infos.











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