Schon wieder Austernfischer-Drama im Hinterhof: Ein Küken braucht Hilfe

Auch auf dem Dach des Nachbarhauses haben in diesem Jahr wieder Austernfischer gebrütet. Nachdem die drei Küken schon ab Freitag an der Dachkante Patrouille gelaufen waren, war es am Samstagnachmittag so weit: Die Minis haben ihren Sprung hinab ins Leben gewagt. Bei einem von ihnen ging dabei leider mächtig was schief.

Der Sprung, der schiefging

Schon seit Freitagmittag lauerte ich am Küchenfenster und wartete darauf, dass die kleinen Austernfischer springen würden. Natürlich habe ich den Sprung des ersten Kükens dann doch verpasst, weil ich kurz mal die Waschmaschine anstellte. Als ich zurückkam, lief es schon fröhlich durch den Garten und piepste, während seine beiden Geschwister noch aufgeregt oben an der Dachkante herumwuselten.

Ungefähr eine Stunde später war es dann endlich soweit und das zweite Küken wagte todesmutig den Sprung. Leider wählte es dafür die allerschlechteste Stelle und landete, statt in den Beeten rings ums Haus, auf den harten Pflastersteinen des Eingangs. Bevor ich zum Fernglas greifen konnte, wuselte es aber schon außer Sichtweise ins Gebüsch. Na immerhin. Da kam es aber eine ganze Weile nicht heraus. Nach den Erfahrungen von vor ein paar Wochen wurde mir schon schlecht.

Dann sah ich es doch endlich aus dem Gebüsch hervorkommen. Aber es lief nicht, es hopste auf einem Bein. Ganz offensichtlich hatte es sich beim Aufprall verletzt.

Es brach mir fast das Herz, das kleine Mini dabei zu sehen, wie es einbeinig versuchte, mit seinem Geschwister Schritt zu halten und seinen Eltern hinterher zu kommen. Das Mini hopste tapfer, fiel um, rappelte sich wieder auf, fiel wieder um und blieb platt auf dem Boden liegen. Es war herzzerreißend.

Am Freitag war die Welt noch in Ordnung und alle drei Küken noch sicher auf dem Dach.
Austernfischer-Mama-oder-Papa checkt mit seinem Nachwuchs die Lage. Ja, da müsst ihr runter. Sind doch nur 10 Meter.
Das erste Küken ist schon sicher unten angekommen und bekommt erstmal Mittagessen serviert.
Mut sammeln: Das linke Mini wird gleich springen und dafür leider die mieseste Stelle überhaupt wählen.

Erstmal abwarten und beobachten

Obwohl das Mini ganz offensichtlich verletzt war, sprang ich ihm nicht sofort zur Hilfe. Einerseits hoffte ich, dass es sich noch berappeln und erholen würde. Vielleicht war das Bein nur geprellt oder verstaucht und gleich würde es wieder gehen? Andererseits weiß ich natürlich auch, dass Vögel sich Verletzungen nur anmerken lassen, wenn es wirklich nicht anders geht und dieses Humpeln wohl nicht nach ein paar Heile-Gänschen wieder weggehen würde. Aber ich wollte nicht vorschnell eingreifen.

Das Mini hopste weiterhin tapfer hinterher, vermied dabei jedoch den Rasen und blieb so gut es konnte auf den Platten des Gartenwegs. Ganz offensichtlich war dieses Gehopse auch anstrengend, denn es blieb immer wieder längere Zeit liegen oder verharrte bewegungslos stehend.

Es kamen auch Menschen vorbei, die keinerlei Rücksicht nahmen und bei ihren Versuchen, ein ach-so-niedliches Foto von dem Mini zu machen, viel zu nah rangingen und für noch mehr unnötige Fluchtpanik sorgten. Ich hätte sie am liebsten *$*&*!

Irgendwann sprang auch das dritte Mini vom Dach. Ich registrierte es aus den Augenwinkeln und war froh, als es sofort auf die Wiese geflitzt kam. Die Eltern brachten dem humpelnden Mini auch Regenwürmer und sorgten dafür, dass es sie auch bekam, nicht eins seiner beiden Geschwister.

Sie stellten sogar ein Elternteil ab, dass in der Nähe des humpelnden Minis blieb, während das zweite Elternteil mit den beiden Geschwistern durch die Hecke in den Nachbargarten verschwand. Aber ewig würden sie diese Begleitung nicht durchhalten.

Als ich mir mit meiner Hoffnung nicht länger in die Tasche lügen konnte und klar war, dass das nicht von alleine besser wurde, fasste ich mir ein Herz und begann zu telefonieren.

Das verletzte Austernfischer-Mini versuchte tapfer, mit seiner Familie Schritt zu halten und hopste einbeinig hinterher. Aufs unebene Gras ging es aber nur ungerne.

Auf der Suche nach Hilfe

Die Wildtierauffangstation in Rastede, bei der ich neulich zu Besuch war, hatte schon das Telefon abgestellt. Klar, Samstagabend. Also suchte ich mich durchs Netz und rief den tierärztlichen Notdienst an. Nach einem verwirrenden Umleitungsmanöver hatte ich jemanden in der Leitung.

Das kurze Gespräch war zwar sehr freundlich, aber eher ernüchternd. Ganz offensichtlich wusste die Person weder, wie sie mit einem verletzten Vogelbein umgehen sollte, noch was ein Austernfischer überhaupt so frisst. Ich versicherte, letzteres wisse ich und würde mich um das Kleine kümmern, bis eine Lösung gefunden sei. Sie bot mir dann zwar zögerlich an, in einer knappen Stunde vorbeizukommen, aber eigentlich war uns beiden klar, dass das sinnlos sein würde. Immerhin war es erstmal ein Plan.

Zum Glück fiel mir dann noch Ursel Richelshagen vom NABU Land Hadeln ein. Sie ist nicht nur ganz oben in meinem WhatsApp-Chat und für das Wiedervernässungsprojekt im Ahlenmoor zuständig, sondern auch die Storchenbeauftragte hier in der Region und unglaublich gut vernetzt. Und sie ging sofort ans Telefon.

Ihr erster Gedanke war auch, das Küken zu sichern, das Wochenende irgendwie rumzubringen und am Montag die Untere Naturschutzbehörde zu kontaktieren. Die würden sich dann um den Transport des Lütten zur Wildtierauffangstation kümmern.

Das erleichterte mich schon mal ein bisschen, denn schließlich hatte ich so Rückendeckung für meinen heimlichen Rettungsplan.

Dann hatte Ursel aber noch eine viel bessere Idee: die Storchenstation in der Wesermarsch. Sie wusste, dass dort auch Austernfischer leben und dass die Menschen dort zucker sind. Sie schickte mir auch gleich die Details und zack hatte ich Udo Hilfers von der Storchenstation in der Leitung. Und der sagte mir, dass ich das Mini vorbeibringen dürfte. Was für ein Glück!

Das dritte Austernfischerküken springt endlich auch vom Dach – und landet wohlbehalten im Staudenbeet.

Ab in den Schuhkarton

Jetzt war Teamarbeit gefragt, denn ich brauchte einen Späher, der das Mini im Auge behielt, während ich in den Keller ging, um einen Schuhkarton zu suchen. In den bohrte ich dann mit einem Küchenmesser Löcher (von innen nach außen), polsterte ihn mit alten Geschirrtüchern aus und fertig war die Transportbox.

Da das Mini in keiner unmittelbaren Gefahr war, aß ich erstmal eine Scheibe Brot. Denn eins war mir inzwischen klar: der Abend würde noch lang werden.

Dann ging ich in den Hof. Das Mini hatte sich inzwischen halb unter die Müllcontainer verkrochen und presste sich gut getarnt auf die grauen Platten. Da mein Späher es im Auge behalten hatte, entdeckte ich es sofort. Praktischerweise waren seine Eltern auch gerade anderweitig beschäftigt und ich hatte keinen lautstarken Sturzflug-Angriff zu befürchten. Also griff ich schnell und beherzt mit beiden Händen zu. Keine Spur der Unsicherheit, die ich noch vor wenigen Wochen hatte. Ich nahm das Mini hoch und setzte es in den Karton, fertig.

Als ich es kurz in die Hand hatte, fiel mir sofort auf, wie kräftig es war. Mit seinem gesunden Bein strampelte es energisch los und machte unmissverständlich klar, dass es von meiner „Hilfe“ so absolut überhaupt gar nichts hielt. Das fand ich ehrlich gesagt ein gutes Zeichen. Abgesehen von seinem verletzten Bein schien es fit zu sein.

Ich legte noch ein kleines dickes Handtuch locker über den Karton, damit es drinnen noch dunkler wurde. Im Dunkeln bleiben Vögel meist ruhiger, und ich hoffte, dass dadurch die Autofahrt weniger stressig für das Mini sein würde. Immerhin hatten wir knapp anderthalb Stunden vor uns.

In der Storchenstation

Tatsächlich fand das Mini die Autofahrt nicht besonders toll. Immer wieder piepste es empört aus der Kiste und rumorte darin herum. Es tat mir wirklich leid, es da einzusperren! Gleichzeitig fand ich es auch beruhigend zu hören, dass das Mini noch lebte. Denn schließlich wollte ich nicht in den Karton schauen, um es nicht zusätzlich zu stressen.

Als wir endlich zur Storchenstation kamen, war ich erstmal überrascht. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte: das jedenfalls nicht. Anke und Udo Hilfers, die die Station betreiben, waren ganz tiefenentspannt und super nett. In den Bäumen ringsum und auf den Dächern saßen Weißstörche, auf der Wiese liefen Enten und Gänse umher – und dazwischen zwei Austernfischer! Rauchschwalben zirrten durch die Luft, Stadttauben flatterten umher und aus der Ferne sah ich ein Gehege, in dem mehrere Dutzend Weißstörche umherstaksten. Dazu ein super gepflegter Garten im sommerlichen Abendlicht.

Udo Hilfers untersuchte das Mini fachmännisch und stellte fest, dass das Bein nicht einfach nur verstaucht oder gebrochen war. Das hätte man ja leicht schienen können. Die Verletzung war zu weit oben am Gelenk. Ob das wieder wird, konnte er nicht sagen. Bei so jungen Vögeln könne es durchaus passieren, dass sich eine solche Verletzung wieder zurechtruckelt und verheilt, meinte er. Und vielleicht kommt das Mini notfalls ja auch mit nur einem Bein zurecht (wenn es nicht von einer Katze weggesnakt wird, bevor es fliegen kann, wie das bestimmt in unserem Garten passiert wäre). Wir müssen einfach abwarten.

Ich ließ meinen Bargeldvorrat als Spende da und fuhr zurück nach Hause mit dem beruhigenden Gefühl, dass ich mein Möglichstes getan habe und dass das Mini in guten Händen ist. Yo, das ist alles nicht toll, aber das Mini hat jetzt zumindest eine Chance zu leben.

Storchenidylle an der Storchenstation

Was du daraus lernen kannst

  • Wenn du einen scheinbar verletzten Vogel findest, bewahre Ruhe.
  • Beobachte erstmal, ob er tatsächlich Hilfe braucht. Eine Entscheidungshilfe und weitere Infos dazu findest du in diesem Beitrag.
  • Wenn die Sache klar ist, sichere den Vogel: Fang ihn ein. Dabei kann dir auch ein Handtuch helfen, das du über ihn wirfst.
  • Ein Schuhkarton ist eine prima Transportbox. Bohre Luftlöcher von innen nach außen. Notfalls muss ein kleiner Korb herhalten. Den aber bitte mit einem Handtuch oder ähnlichem abdecken, damit es schummrig ist. Dann ist der Vogel weniger gestresst.
  • Gib dem Vogel erstmal kein Futter und kein Wasser! Unbefiederte Vögel halte unbedingt warm, zum Beispiel mit einer lauwarmen Wärmflasche oder einem Luftballon/Einmalhandschuh mit warmen Wasser.
  • Um eine passende Hilfestelle zu finden, ist die App Wildtier SOS eine sehr gute Anlaufstation. Ansonsten such im Netz mal "Wildvogelstation", "Wildtierstation", "Untere Naturschutzbehörde" oder falls es passt: "Taubenhilfe" plus deinen Ort. Nutze dafür den Browser und eine klassische Suche, vertraue nicht der KI! Und hab Geduld.
  • Wenn du das Tier in der Hilfestelle abgibst, lass bitte eine Spende da. All diese Stationen sind auf Spenden angewiesen und die Aufzucht von Vögeln und anderen Wildtieren verschlingt erstaunliche Summen.
Mach's gut, kleiner Austernfischer. Du bist in der Storchenstation in guten Händen.

PS:

Du kannst die Storchenstation auch besuchen. Wenn du hinfährst, bring mir ein Update vom Mini mit, ja?

von Silke Hartmann | 28. Juli 2026 | Tagebuch, Vogelschutz

bearbeitet am 28. Juli 2026

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon als Kind interessierte sich Silke Hartmann für Vögel, aber kannte lange niemanden, der diese Begeisterung teilte. Um Gleichgesinnte zu finden, ging sie ins Internet und merkte schnell, dass es vielen Menschen so geht wie ihr früher. Deshalb gibt sie jetzt ihr Vogelwissen und ihre Begeisterung in Onlinekursen, ihrem Podcast "Vögel, aber cool!", ihrem Blog und auf Instagram weiter. Ihr erstes Buch "Die Superkräfte der Vögel" wurde zum "Wissensbuch des Jahres 2024" gewählt. Ihr zweites Buch "Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" richtet sich an Kinder ab 7 Jahre.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein 1. Buch: "Die Superkräfte der Vögel"

"Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" – Mein Vogelbuch für Kinder ab 7

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