Welche Jungvögel brauchen Hilfe?

Immer wieder bekomme ich Nachrichten zu jungen Vögeln, die irgendwo rumsitzen und herzzerreißend rufen. Was denn mit denen zu tun sei, wollen die Fragenden wissen. Das ist natürlich gar nicht so leicht zu beantworten, besonders nicht aus der Ferne. Nicht alle diese jungen Vögel brauchen nämlich unsere Hilfe – ganz im Gegenteil! Manchmal kann gutgemeinte Hilfe sogar großen Schaden anrichten.

Dazu gibt es ein bis zwei Grundsätzlichkeiten zu klären: Ist es ein Nestflüchtling oder ein Nesthocker? Und falls es ein Nesthocker ist, ist es ein Ästling oder ein Nestling?

Klingt kompliziert? Ist es aber gar nicht. Here we go:

Es gibt unter Vögeln Nestflüchter und Nesthocker. Diese Unterscheidung ist eine grundsätzliche, die in der Vogelart festgelegt ist.

Was ist ein Nestflüchter?

Nestflüchter sind Vogelarten, deren Küken schon ziemlich fertig aus dem Ei schlüpfen und die daher sehr bald nach dem Schlupf das Nest verlassen. Ihre Augen und Ohren sind bereits offen. Sie haben schon am ganzen Körper Federn, mit denen sie sich selbst warmhalten, und sie können bereits laufen bzw. schwimmen.

Dazu gehören zum Beispiel Watvögel, Enten- und Gänseküken (also Stockenten, Graugänse). Wenn du einen kleinen Nestflüchter entdeckst, muss ihm in der Regel nicht geholfen werden. Die kommen in Mamas und/oder Papas Nähe prima klar.

Solltest du aber doch einen gefunden haben, der Hilfe benötigt, weil er verletzt ist, bekommst du bei der Wildvogelhilfe weiterführende Informationen.

Graugänse sind typische Nestflüchter. Sie können sofort laufen und schwimmen. Wenn du sie unverletzt außerhalb ihres Nests triffst, keine Sorge!

Was ist ein Nesthocker?

Bei den Nesthockern ist das mit der Hilfe so eine Sache. Nesthocker kommen in der Regel nackt und mit geschlossenen Augen aus dem Ei. Sie müssen nach dem Schlupf noch einige Tage bis Wochen gefüttert und gewärmt werden und bleiben daher im Nest. Sie sind anfangs so hilflos, dass sie außerhalb des Nests nicht überlebensfähig sind.

Zu den Nesthockern gehören u.a. alle Singvögel (also Amseln, Blaumeisen, Kohlmeisen, Nachtigallen, Elstern, Eichelhäher, Rabenkrähen …), aber auch Greifvögel, Falken und Tauben.

Wenn du ein Nesthocker-Küken außerhalb des Nests findest, ist die erste wichtige Fragen: Handelt es sich um einen Ästling oder einen Nestling?

Die Antwort auf diese Frage ist ein bisschen tricky, denn bei der Unterscheidung von Ästling und Nestling geht es um das Entwicklungsstadium des Jungvogels: Sitzt der Vogel freiwillig auf dem Boden oder ist er aus dem Nest gefallen?

Nestling

Ein Nestling ist ein junger Vogel, der noch im Nest sitzt und rund um die Uhr von seinen Eltern gefüttert und gewärmt werden muss. Sie verlassen nicht freiwillig das Nest. Aber manchmal passiert es doch, dass sie herausfallen. Alleine sind sie hilflos und außerhalb des Nests nicht überlebensfähig.

Ästling

Ein Ästling hat das Nest schon freiwillig verlassen, kann sich aber noch nicht selbstständig ernähren. Ästlinge erkunden schon ein bisschen die Welt, hopsen durch die Gegend, werden aber von ihren Eltern außerhalb des Nests weiterhin versorgt.

Das ist ein Ästling, auch wenn er am Boden sitzt. Er ist befiedert und hopst auf seinen Beinchen durch die Gegend. Mama und Papa sind in der Nähe. Alles in Ordnung.

So unterscheidest du Nestling und Ästling

Je nach Art sind die Erkennungskriterien unterschiedlich, aber als Faustregel lässt sich festhalten: Kann der Vogel schon auf seinen Beinchen stehen (und hüpfen oder laufen), ist es ein Ästling. Hockt oder sitzt er noch auf dem unteren Teil seiner Beinchen und wirkt zusammengefaltet, ist es ein Nestling.

Nestlinge sitzen auf ihren umgeknickten Beinchen.
Ästlinge können sich auf den Beinen halten. Sie stehen.

Junge Vögel, die in Bäumen oder Sträuchern sitzen, müssen also Ästlinge sein. Nestlinge können sich nicht auf einem Zweig halten.

Das kannst du tun, wenn du einen jungen Vogel findest

Hast du einen jungen Vogel gefunden? Dann entscheide als erstes, ob er deine Hilfe braucht (s.o.): Ist es ein Nestflüchter? Ein Nestling? Ein Ästling?

Findest du einen Nestling außerhalb seines Nests, braucht er deine Hilfe, um zu überleben: Wirkt er gesund und unverletzt, setz ihn bitte wieder zurück in sein Nest. Falls du es nicht findest, es zerstört wurde oder der Winzling weitere Hilfe braucht, bringe ihn zu einer Auffangstation in deiner Nähe oder nimm Kontakt mit Profis auf.

Findest du einen Ästling außerhalb seines Nests, entspann dich! Höchstwahrscheinlich ist alles okay, die Eltern sind in der Nähe und kümmern sich. Er ruft, damit sie ihn wiederfinden. Halte Abstand und beobachte.

Nach einiger Zeit sollten Altvögel auftauchen, die sich um den Lütten kümmern. Um diese nicht bei der Arbeit zu behindern, halte auf jeden Fall Abstand beim Beobachten, sonst trauen sie sich vielleicht nicht ran und geben irgendwann auf.

Bitte trenne den Ästling nicht aus Versehen übereifrig von seinen Eltern! Sollte er in einer unmittelbaren Gefahrensituation sein (Parkplatz, Katzengarten etc.), setz ihn in der direkten Umgebung hoch (und sperr die Katze ein). Dafür darfst du ihn anfassen. Das stört die Vogeleltern nicht.

Sollten wirklich und wahrhaftig (Ehrenwort!) keine Eltern auftauchen und der Ästling verwaist sein, nimm bitte Kontakt zu Profis in deiner Gegend auf oder bring ihn zu einer Auffangstation.

Sonderfall Mauersegler

Sollte du einen Mauersegler am Boden finden, braucht der immer, immer deine Hilfe! Wenn er erwachsen und unverletzt ist, kann er vom Boden aus starten und das tut er dann auch gleich wieder. Wenn er das nicht tut, du ihn also am Boden findest, kümmere dich bitte!

Wirkt er unverletzt, heb ihn hoch, setz ihn auf einen Mauersims oder halte (nicht werfe!) ihn auf deiner Hand in die Höhe. WICHTIG: Niemals in die Luft werfen!

Wenn er verletzt oder sehr entkräftet ist und nicht alleine startet, nimm unbedingt Kontakt zu Profis auf. Weitere Informationen findest du bei der Wildvogelhilfe.

Ein Mauersegler am Boden, der Hilfe braucht (Foto von Klaus Roggel, Berlin, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

von | 20. Mai 2022 | Vogelgucken Praxis

aktualisiert:
4. Feb 2024

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon in ihrer Kindheit interessierte sich Silke Hartmann für Vögel. Allerdings kannte sie niemanden, die oder der ihr diese Wunderwelt hätte zeigen können. So hat sie sich im Laufe der Zeit selbst beigebracht, Vögel zu sehen. Je mehr sie beobachtete und aus Büchern lernte, desto mehr begeisterte sie sich für Vögel und ihre Superkräfte. Sie bemerkte aber auch, wie schwer es für viele Vogelarten inzwischen ist, zu überleben. Deshalb gibt sie ihr Wissen jetzt als „die Vogelguckerin“ u.a. in Kursen, Büchern und ihrem Podcast „Vögel, aber cool!“ weiter, weil sie weiß, dass die Welt zu einem besseren Ort wird, wenn sich mehr Menschen für Vögel begeistern.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein neues KOSMOS-Buch: „Die Superkräfte der Vögel“

MDR-Doku: „Das Geheimnis der Vögel“

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