Amsel: Meistersänger mit finsteren Seiten

Amsel, die; auch: Turdus merula oder Schwarzdrossel

Amseln gehören mit zu den beliebtesten Vögeln bei uns im Land. Und ich finde, das ist gar kein Wunder: Sie sind allgegenwärtig, leicht zu erkennen und ihr Gesang geht direkt ins Herz. Sie leben ganzjährig bei uns und sind die häufigste Drosselart in Mitteleuropa. Aber was wissen wir sonst noch von dem Vogel, der so nah um uns wohnt wie kaum ein anderer? Welche Superkräfte und Geheimnisse haben Amseln? Auch wenn du glaubst, diese Gartenbewohnerin bereits zu kennen, hab ich hier bestimmt noch ein paar Überraschungen für dich.

Erstmal die Basics:

Verbreitung

Schwer zu glauben, aber wahr: Amseln sind ursprünglich Waldbewohnerinnen. Bis vor 150/200 Jahren lebten sie ausschließlich im Wald und zwar besonders gerne in der dichten, feuchten, schummrigen Waldmitte. Auch waren sie sehr scheu. Umso erstaunlicher, dass wir heute eigentlich überall um uns herum auch Stadtamseln finden. Sie leben in den Gärten und Parks unserer Siedlungen. Alles was sie brauchen, ist ein kleineres Gehölz. Und scheu sind sie hier auch nicht mehr.

FUN FACT Aus ihrem ursprünglichen Lebensraum stammt eine Spezialfähigkeit von Amseln: Sie können sehr gut im Dämmerlicht sehen.

Aussehen

Männchen und Weibchen kann man optisch prima unterscheiden: Männchen sind schwarz mit schwarzen Füßen und einem gelb-orangen Schnabel. Sie haben außerdem einen gelben Ring ums Auge, den sogenannten Lidring. Sie wirken elegant, aber auch ein bisschen langweilig. Die Gefieder der Weibchen sind abwechslungreicher: Sie sind in verschiedenen Braun-Schattierungen gefärbt und haben einen dunklen Schnabel und bräunliche Füße.

FUN FACT Amselweibchen erkennen die körperliche Fitness der Männchen auch an der Schnabelfarbe: Die Karotinoide, die für die Färbung verantwortlich sind, werden bei einer Erkrankung herausgezogen, um damit das Immunsystem zu stärken. Je oranger der Schnabel, desto gesünder ist das Männchen.

Immer wieder kommt es bei Amseln jedoch auch zu abweichender Gefiederfärbung. Das Gefieder hat weiße Flecken oder weiße Säume oder ist gar ganz weiß. Häufig ist das eine harmlose Defekt-Mutation (Stichwort Leuzismus). Es gibt so etwas bei vielen Vogelarten. Bei Amseln fällt es nur sehr auf, weil der Kontrast von schwarz/dunkelbraun zu weiß so hoch ist und weil sie in unseren Gärten relativ geschützt vor Greifvögeln sind. Im Wald würden sie so weiß leuchtend wahrscheinlich nicht so lange überleben.

BEOBACHTUNGSTIPP Amseln können nicht laufen im eigentlichen Sinne, sondern bewegen sich am Boden hüpfend fort. Und an diesem Hüpfen kann man sie auch gut von den Staren unterscheiden, denen sie in Größe und Farbe ähneln.

Nahrung

Amseln sind flexible, anpassungsfähige Allesfresserinnen. Deshalb gefällt es ihnen auch so gut bei uns in den Siedlungen. Zu Beginn der Brutzeit im Frühling fressen sie fast ausschließlich tierische, eiweißreiche Nahrung: Regenwürmer, Käfer, Ameisen, Schnecken, Spinnen und auch schon mal einen kleinen Frosch, eine Blindschleiche und Eidechse.

Wenn ihr euer Bild von den niedlichen, freundlichen Amseln bewahren möchtet, überspringt diesen Absatz: Amseln fressen nämlich auch mal Babyvögel aus anderen Nestern und aus dem Nest gefallene Sperlinge. Wer hätte das gedacht?

Später im Jahr, also so ab Mai/Juni, fressen sie auch gerne Früchte und Beeren, je süßer, desto lieber. Amseln gehören mit zu den legendären Erdbeer- und Kirschenräuberinnen, weil sie wissen, was gut ist.

Am Futterhaus machst du sie mit Getreideflocken und Rosinen glücklich – allerdings nicht in Futtersäulen oder gar Meisenknödeln, sondern in Schalen oder besonderen Futterstationen auf dem Boden. Amseln sind nämlich keine besonders talentierten Turnkünstlerinnen.

BEOBACHTUNGSTIPP Bei der Futtersuche hüpfen sie ein paar Schritte und verharren dann regungslos mit schräg gestelltem Kopf. Achte mal drauf!

Ihre Superkraft: der Gesang

Die Superkraft von Amseln ist eindeutig ihr Gesang. Die Männchen flöten melodisch und sehr variantenreich, fast kreativ. Manchmal bauen sie auch zwitschernde Elemente ein oder auch mal ein Handyklingeln. Trotzdem kann man ihre Stimme gut erkennen und wiedererkennen. Amseln singen nicht in Gruppen wie andere Vögel, sondern höchstens mal im Sing-Duell mit einem Rivalen. Männchen singen hauptsächlich, um ihr Revier zu verteidigen und um Weibchen anzulocken und zu beeindrucken. Und das machen sie 1A. Zum Singen sitzen sie erhöht, also oben auf einem Baum oder auf Hausdächern. So sind sie gut sichtbar und ihr Gesang schallt sehr laut und weit.

Sie können bereits Ende Januar und bis in den August hinein singen. Ihre Standardzeit ist jedoch von Anfang März bis Ende Juli. Häugig singen sie bereits vor der Morgendämmerung und manchmal auch in der Dunkelheit – zum Beispiel in der Nähe von Straßenlaternen.

Amseln haben aber noch mehr Lautäußerungen auf Lager, zum Beispiel schimpfen bzw. zetern sie sehr laut und aufgeregt, wenn sich eine Gefahr nähert. Und sie tixen; so nennt man die schnelle Aneinanderreihung von vielen hohen, fast schrillen Tix-Lauten. Das klingt dann gar nicht mehr so melodisch.

Jetzt geht’s zur Sache: Revierkämpfe, Balz und Brut

Ihre Reviere stecken Amselmännchen spätestens im Frühjahr ab – durch ihren melodisch flötenden Gesang und durch vollen Körpereinsatz.

Zwei Amselmännchen kämpfen meist am Boden. Dabei picken sie nach einander oder schieben sich gegenseitig flügelschlagend Brust an Brust durch den Garten. Laut zetern und schimpfen müssen sie dabei natürlich auch, ist ja klar. Manchmal steigen sie auch ineinander verkeilt mehrere Meter hoch in die Luft und kämpfen dort weiter. Der Unterlegene wird dann am Ende noch einmal machomäßig aus dem Revier gejagt.

FUN FACT Ihren Hass auf andere Männchen in ihrem Revier lassen Amselherren übrigens auch gerne mal an gelben und orangen Krokussen aus. Die Farbe erinnert sie wohl an die Schnabelfarbe ihrer Kontrahenten und dann sehen sie rot.

Auch die Balz wirkt aus der Zeit gefallen: Dabei stolziert das Männchen im Imponierschritt vor dem Weibchen auf und ab. Er ist dabei hoch aufgerichtet, streckt den Hals lang und plustert sein Brust- und Bauchgefieder auf. Das Weibchen sitzt währenddessen mehr oder weniger interessiert daneben und nimmt die Vorstellung ab.

Die Brutzeit von Amseln geht von Februar bis August. So schafft eine Amseldame locker zwei bis vier Bruten im Jahr. Diese müssen allerdings nicht immer mit demselben Partner erfolgen. Es kommt vor, dass eine Amsel direkt nach dem Schlüpfen der Kücken mit einem anderen Partner eine zweite Brut beginnt, während der erste Partner die erste Brut alleine aufzieht. Da die Amseldame auch alleine brütet, ist das eine fast faire Aufgabenteilung. Studien haben außerdem gezeigt, dass der fütternde Amselmann nicht zwangsläufig der leibliche Vater des Nachwuches sein muss.

BEOBACHTUNGSTIPP Ihre Nester bauen Amseln im Gebüsch, in Bäumen und Spalieren und auch schon mal in einem Blumenkasten.

Zug

Die glaubst, nur weil du das ganze Jahr Amseln in deiner Nähe siehst, ziehen sie gar nicht? Tja, so ganz stimmt das nicht. Etwas 25 % aller Amseln in Mitteleuropa ziehen (in Schweden und Finnland sind es sogar zwischen 76 % und 89 %). Bei uns ziehen Waldamseln öfter als Stadtamseln, Weibchen und Jungvögel öfter als Männchen und wenn es richtig kalt wird, ziehen noch ein paar mehr als sonst. Amseln ziehen hauptsächlich nachts und überfliegen dabei locker die Nordsee, das Mittelmeer und die Alpen. Unsere Amseln ziehen meistens nach Westen und Südwesten. Manche Waldamseln ziehen aber auch einfach nur in die nächstgelegenen Stadt.

Abschließend bleibt mir nur noch zu erwähnen, dass die Amsel der offizielle Nationalvogel Schwedens ist und zu betonen, dass sie – obwohl uns Kinderlieder wie Alle Vögel sind schon da und Die Vogelhochzeit etwas anderes einreden wollen – zu den Drosseln gehört.

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie groß ist deine Amselliebe? Und vor allem: Warum? Hinterlass mir gerne eine Nachricht in den Kommentaren. Und dann: Ab nach draußen!