Mauersegler: Vögel unseres Sommers

Die scharfen Rufe der Mauersegler gehören mit zum Soundtrack des Sommers. Sie kommen nur zu uns, um hier zu brüten und bleiben auch nur kurz von Anfang Mai bis Juli/August. Nicht nur deshalb sind sie besondere Besucher: Mauersegler verbringen quasi ihr ganzes Leben in der Luft. Und selbst abgeklärte Vogelprofis sind fasziniert von diesen begnadeten Dauerfliegern und ihrem ungebundenen Leben, weit ab von allen irdischen Problemen. Höchste Zeit, sie ein bisschen besser kennenzulernen:

Windschnittige Partygänger

Mauersegler sind perfekt an das Leben in der Luft angepasst. Ihre langen, schmalen, sichelförmig gebogenen Flügel verschaffen ihnen viel Auftrieb und haben wenig Luftwiderstand. Das ermöglicht Mauerseglern einen energiesparenden Flug. Zusätzlich minimieren sie die Energiekosten des Fluges durch Segeln und Gleiten – und durch eine verhältnismäßig langsame Geschwindigkeit. Wenn sie so juchzend zwischen unseren Häusern umhersausen und ihre Screaming Parties feiern (ja, so heißt das wirklich und hochoffiziell!), schaffen sie Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 100 km/h. Im Normalfall fliegen Mauersegler aber sehr ökonomisch, fast bedächtig und bleiben weit unter diesen Maximalgeschwindigkeiten.

Schlafen im Flug

Mauersegler verbringen quasi ihr ganzes Leben fliegend: Sie jagen in der Luft, sie fressen in der Luft, sie trinken fliegend, paaren sich fliegend, ja, sie schlafen sogar im Flug. Für dieses außergewöhnliche Leben fern ab vom festen Boden haben sie spezielle Strategien entwickelt:

Sie jagen sogenanntes Luftplankton: fliegende Insekten, die sie sich aus der Luft schnappen. Um zu trinken, fliegen sie ganz dicht über einer Wasserfläche und schöpfen im Flug mit ihrem Schnabel Wasser. Selbst das Baumaterial für ihr Nest sammeln sie in der Luft ein und verkleben es mit Speichel, damit sie ja keine Umwege am Boden machen müssen.

Wie das mit dem Schlafen funktioniert, war lange ungewiss. Zwar vermuteten Forschende, dass auch Mauersegler schlafen müssen, da bei allen Tieren die kognitiven Fähigkeiten und die Gesundheit ohne Schlaf leiden, aber beweisen konnten sie es lange nicht. Inzwischen ist dieses Phänomen gut an Fregattvögeln erforscht, die auch sehr viel Zeit in der Luft verbringen. Hier hat sich gezeigt, dass im Schlaf jeweils nur eine Hirnhälfte wirklich schläft. Die andere ist aktiv und kontrolliert die Muskelbewegungen des Vogels. Ein ähnliches Phänomen ist von Delphinen bekannt und wahrscheinlich funktioniert das bei Mauerseglern ebenso.

die Fußlosen

Mauersegler verbringen bis zu zehn Monate im Jahr in der Luft, nonstop. In der restlichen Zeit landen sie nur mal zwischendurch, um zu brüten und um ihre Jungen zu füttern. Und diese Zeit am Boden verbringen sie bei uns in Mitteleuropa. Welche Ehre. Wie sich das wohl anfühlt, wenn die Welt plötzlich stillsteht? Ob der Boden nachwankt, wie bei uns, wenn wir von einer längeren Seereise an Land kommen?

Sein luftverbundenes Leben spiegelt sich auch im lateinischen Namen des Mauerseglers wider: Apus apus. Das bedeutet »fußlos«. Und tatsächlich haben Mauersegler sehr kleine, fast verkümmerte Beine und Füße. So elegant und erhaben sie in der Luft sind, so unbeholfen wirken sie am Boden. Mit ihren kurzen Beinen und Füßen können sie sich zwar an Mauern festkrallen, aber laufen ist tatsächlich schwierig. Sie kriechen eher, als dass sie laufen.

Winterschlaf im Sommer

Mauersegler könnten überall ihre Jungen großziehen. Dass sie es in Mitteleuropa tun, ist eine Ehre und gleichzeitig auch erstaunlich. Mauersegler und ihre Jungen fressen ausschließlich Insekten und sind somit abhängig von guter Witterung. Klar, denn bei Regen und Wind fliegen die Insekten nicht. Das kann bei deutschen Sommern zum Problem werden! Dann müssen Eltern auf der Suche nach Nahrung für ihren Nachwuchs hunderte von Kilometern ausweichen. Und dann dauert es ein paar Tage, bis sie mit Futter für ihre Jungen zurückkommen.

Die Jungvögel fallen in dieser Zeit in eine Art von kurzen Winterschlaf. Sie bewegen sich nicht viel und senken ihre Körpertemperatur, um Energie zu sparen. Kommen die Eltern dann mit einem Schnabel voller Insekten zurück, wecken sie die Jungen mit der Nahrung auf. Frühstück ans Bett quasi.

Foto von Simon Mannweiler, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Lebensnotwendiger Perfektionismus

Anders als andere Vogeljunge haben Mauersegler-Minis nur einen einzigen Versuch, wenn sie zum ersten Mal die Bruthöhle verlassen und losfliegen. Deshalb machen sie vorher eine Art Liegestütze. Damit trainieren sie einerseits die Flugmuskulatur, damit die stark genug ist, sie sofort durch die Luft zu tragen. Und andererseits bringen sie ganz nebenbei ihren Körper auf Idealgewicht. Denn zu schwer sollten sie zum Fliegen auch nicht sein.

Sollte ein Mini-Mauersegler trotz aller Vorbereitung scheitern, sich auf halben Weg aus der Nisthöhle doch noch nicht bereit fürs Fliegen fühlen und abstürzen, kann er sich nicht mehr alleine vom Boden erheben. Er braucht immer Wind, also Auftrieb unter seinen Flügeln.

Hilfe!

Ein am Boden liegender Mauersegler braucht immer (!) deine Hilfe. Selbst wenn er erwachsen und unverletzt ist, kann er in der Regel nicht vom Boden aus starten.

Wirkt er unverletzt, heb ihn hoch, setz ihn auf einen Mauersims oder halte (nicht werfe!) ihn auf deiner Hand in die Höhe. WICHTIG: Niemals in die Luft werfen!

Wenn er verletzt oder sehr entkräftet ist und nicht alleine startet, nimm unbedingt Kontakt zu Profis auf. Weitere Informationen findest du → hier bei der Wildvogelhilfe.

Foto von Klaus Roggel, Berlin, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Individualisten

Was genau die Vögel in ihrer Zeit in der Luft treiben und wo sie sich rumtreiben, war lange unbekannt. Aber seit Wissenschaftler*innen Mauerseglern kleine Rucksack-Transponder angeschnallt haben, wissen wir, dass zwar jedes Individuum zu bestimmten Orten zurückkehrt und dass sie gerne in Gesellschaft von anderen Mauerseglern unterwegs sind, dass Paare und Geschwister aber nicht zwangsläufig zusammenbleiben. Jedes Tier verfolgt seine eigene Überwinterungsstrategie.

Klugscheißerinnen-Wissen

Die charismatischen Mauersegler gehören übrigens nicht zu den Schwalben (auch wenn sie ihnen im Flug ein bisschen ähnlich sehen), sondern zu den Seglern. Wenn du Schwalben besser unterscheiden lernen willst, schau doch mal → hier vorbei.


Bildnachweis: Das schicke Titelbild ist von XJochemx.nl, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

von | 13. Jul 2023 | Podcast, Vogelwissen

aktualisiert:
13. Jul 2023

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Schon in ihrer Kindheit interessierte sich Silke Hartmann für Vögel. Allerdings kannte sie niemanden, die oder der ihr diese Wunderwelt hätte zeigen können. So hat sie sich im Laufe der Zeit selbst beigebracht, Vögel zu sehen. Je mehr sie beobachtete und aus Büchern lernte, desto mehr begeisterte sie sich für Vögel und ihre Superkräfte. Sie bemerkte aber auch, wie schwer es für viele Vogelarten inzwischen ist, zu überleben. Deshalb gibt sie ihr Wissen jetzt als „die Vogelguckerin“ u.a. in Kursen, Büchern und ihrem Podcast „Vögel, aber cool!“ weiter, weil sie weiß, dass die Welt zu einem besseren Ort wird, wenn sich mehr Menschen für Vögel begeistern.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein neues KOSMOS-Buch: „Die Superkräfte der Vögel“

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1 Kommentar

  1. Sehr cooler Beitrag. Klitzekleine Anmerkung: Unverletzte, gesunde, ausgewachsene Mauersegler können vom Boden starten, wenn genug Platz ist. Allerdings ist ein Mauersegler natürlich nie freiwillig gelandet und wenn man ihn findet hindert ihn auch irgendwas am Start. Daher stimmt natürlich, dass ein Mauersegler am Boden in der Regel Hilfe braucht.

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