Hunderte Tauben, ein Zuhause: Mein Besuch bei der Stadttauben-Initiative Dresden

Als wir die Tür zum Taubenschlag öffnen, fliegen erst einmal alle Tauben auf. Und obwohl mich Jule und Elias eigentlich vorgewarnt hatten, war ich davon doch ziemlich überrascht.

Denn die Tauben, die hier wohnen, kennen Menschen. Jeden Tag kommen die hier rein, bringen frisches Futter und Wasser, und reinigen den Schlag. Und trotzdem brauchen die kleinen Panikmacher jedes Mal erstmal Abstand.

Das war aber nicht das Einzige, was mich an dem Tag überrascht hat.

Die Stadttauben Initiative Dresden e.V. hatte mich eingeladen, im August doch mal einen ihrer Schläge zu besuchen. Und da ich sowieso zu einer Familienfeier in der Gegend war, nahm ich die Einladung sehr gerne an und ließ mich von Elias und Jule herumführen.

Ich wusste schon vorher einiges über betreute Taubenschläge und hatte auch schon oft mit Menschen gesprochen, die in der Taubenhilfe arbeiten (zum Beispiel mit Dimitra Tapra aus Stuttgart. Mein Gespräch mit ihr kannst du hier in meinem Podcast "Vögel, aber cool!" anhören.) Aber in einem betreuten Taubenschlag war ich bis dahin noch nicht gewesen.

Ein Zuhause für Stadttauben

Dieser Schlag liegt direkt neben dem Bahnhof Mitte und befindet sich oben in einem Möbelmarkt. Vom Zugang aus kann man hinunter in die große Halle schauen. Der Schlag selbst ist ein großer, heller Raum mit Industriecharme, in dem es erstaunlich viele Nistnischen gibt, in denen Kunstnester stehen.

Dass die Tauben hier in Ruhe brüten, gehört zum Konzept des Schlags. Neben Futter und Wasser bekommen sie hier ein richtiges Zuhause, einen Ort, an dem sie ungestört sein dürfen, ohne vertrieben und gescheucht zu werden (wenn nicht gerade jemand zum Reinigen oder Gucken vorbeikommt). Sie können jederzeit nach draußen fliegen, kehren aber immer wieder hierher zurück und verbringen den Großteil ihres Tages hier.

Der Schlag wird nach dem sogenannten Augsburger Modell betrieben. Das bedeutet unter anderem, dass die Tauben zwar brüten, aber keinen eigenen Nachwuchs haben werden. Die Nester werden regelmäßig kontrolliert und die echten Eier gegen Attrappen ausgetauscht. So können die Tauben ihren angezüchteten Brutzwang ausleben, ohne dass ihr Bestand weiter zunimmt. In einem Jahr werden allein in diesem Schlag 1.800 Eier getauscht und dadurch neue Tauben verhindert.

Dieses Pärchen brütet gemeinsam und sehr hingebungsvoll – zwei Plastikeier. Sie sind beschäftigt und der Taubenbestand in unseren Städten nimmt langfristig ab.

Das Missverständnis um Stadttauben

Ja, es gibt an vielen Standorten viele Tauben. Und ja, das ist für manche Menschen unangenehm (und besonders für die Tauben). Aber die Lösung ist nicht, dass wir die Tauben einfach hungern lassen oder ein paar von ihnen den Hals umdrehen.

Stadttauben sind keine Wildtiere, sondern die Nachfahren domestizierter Haustiere und damit von uns Menschen abhängig. Wir Menschen haben ihnen ein sehr ausgeprägtes Fortpflanzungsverhalten und eine hohe Brutleistung angezüchtet. Dem müssen sie nachgehen, egal, wie ihr Ernährungszustand ist. Sie können nicht einfach aufhören zu brüten, wenn das Futter knapp wird.

Stadttauben hungern zu lassen führt deshalb nicht dazu, dass sich das „Taubenproblem“ von allein erledigt. Es führt vor allem zu noch mehr hungernden Tauben.

Und dass sie hungern und mangelernährt sind, sieht man an ihrem Kot: Eigentlich haben Tauben einen festen Kot. Der dünnflüssige Kot, den wir von Bahnhöfen und Plätzen kennen, entsteht durch Mangel- und Fehlernährung und wird als Hungerkot bezeichnet.

In dieser Stadttaube steckt sehr deutlich noch sehr viel Zuchttaube. Und sie zeigt damit eindeutig, dass das "Stadttaubenproblem" menschgemacht ist.

Taubenschläge als Heiliger Gral des Tierschutzes?

Ein betreuter Taubenschlag ist Win-Win für alle:

  • Die Tauben halten sich meist im Schlag und weniger auf den Straßen und Plätzen auf.
  • Dadurch bleibt es dort sauberer (zumindest wenn der Taubendreck einen mehr stört als Zigarettenkippen und Plastikverpackungen).
  • Die Tauben haben einen sicheren Rückzugsort mit geeigneten Futter und müssen nicht mehr Menschen in der Hoffnung auf ein paar Krümel belagern.
  • Und gleichzeitig wird ihr Bestand langfristig reduziert.

So ein Taubenschlag ist allerdings auch eine Menge Arbeit! Bei mehreren hundert Tauben sammeln sich erstaunlich schnell Federn und Kot an. Und wenn ich ehrlich bin, war ich überrascht, wie viel da zusammenkommt.

Obwohl die Menschen im Dresdener Schlag Mitte spätestens alle zwei Tage sauber machen, sieht es nach wenigen Stunden schon wieder so aus, als müsste mal dringend jemand mit dem Staubsauger durchgehen.

Deshalb haben wir übrigens auch FFP2-Masken getragen: Nicht, weil Tauben so besonders viele Krankheiten übertragen würden, sondern weil bei so vielen Tieren auf engem Raum jede Menge kleine Partikel aus Haut- und Federschuppen in der Luft herumfliegen. Und die sind für die menschlichen Lungen nicht besonders cool.

Langsam füllt sich der Schlag wieder und die Tauben wagen sich zurück, obwohl ich noch immer am selben Platz stehe.

Mein Highlight des Tages

Der schönste Moment für mich im Schlag war, all die Tauben so nach und nach zurückgekommen sind. Wie sie sich wieder vorgewagt haben, zurück in ihre Nistboxen geflattert und gehopst sind, die Futterspender aufgesucht, ihren Alltag wieder aufgenommen haben.

Sie hielten zwar höflich Abstand zu mir, aber irgendwann war der Schlag wieder voller Tauben. Sie füllten ihn mit ihrem geschäftigen Wuseln und ihren gemütlichen kleinen Gurrlauten. Das hat mich so gefreut!

Und es ist großartig, dass es Menschen gibt, die ihnen ihr Herz öffnen und ihnen ihre Freizeit schenken.

So viele schicke Brutmöglichkeiten zur Auswahl und diese Stadttaube quetscht sich ganz gemütlich neben die Regale. Spannend, wie individuell Vögel sind, oder?

Die Frage nach Verantwortung

Was mich bei meinem Besuch besonders beeindruckt hat, ist, wie viel die Menschen in der Stadttauben Initiative Dresden auf die Beine stellen.

Ungefähr 120 Ehrenamtliche im ganzen Stadtgebiet kümmern sich um die Schläge, päppeln zu Hause verletzte und geschwächte Tauben auf, pflegen sie langfristig in Handicap-Volieren, informieren bei Veranstaltungen über ihre Arbeit, organisieren Demos und setzen sich gegen das schlechte Image der Vögel ein.

120 Ehrenamtliche, die sich kümmern, klingt erstmal cool – und trotzdem reicht es nicht. Aktuell gibt es in Dresden wieder einen Aufnahmestopp für weitere Vögel. Und diesen Aufnahmestopp sehe ich auch bei anderen Stadttaubenhilfen im Bundesgebiet. Es gibt mehr Arbeit und mehr Tierleid, als die Menschen, die sich engagieren, gemeinsam bewältigen können.

Dabei haben wir Menschen die Stadttauben überhaupt erst zu dem gemacht, was sie heute sind. Wir haben sie gezüchtet, gehalten und für unsere Zwecke genutzt. Und als wir sie nicht mehr als Fleischlieferantinnen und Briefbotinnen brauchen konnten, haben wir sie gleich mal mit aus unseren Herzen verbannt. Jetzt leben ihre Nachkommen vergessen und verhasst in unseren Städten.

Für mich folgt daraus eine Verantwortung. Eine Verantwortung, der wir uns als Gesellschaft stellen müssten. Eine Verantwortung für diese Lebewesen, vor der sich die Entscheidungsträger*innen in Politik und Verwaltung gerne drücken, die Ehrenamtliche deutschlandweit aber übernehmen.

Mein Besuch bei den Stadttauben in Dresden

Ich habe mich sehr gefreut, dass die Stadttauben Initative Dresden mir so herzlich ihre Türen geöffnet hat und Elias und Jule mir so ausführlich von ihrer Arbeit erzählt haben. Mein Besuch im Schlag hat meine Sicht auf Stadttauben nicht verändert, aber er hat meine Hochachtung vor der Arbeit der Menschen nochmal anwachsen lassen.

Und ich habe mit eigenen Augen gesehen, was passieren kann, wenn wir aufhören, die Tauben als Problem zu betrachten und anfangen, Verantwortung für sie zu übernehmen.

Ganz da oben unterm Dach ist der Schlag, in dem die Stadttauben vom Bahnhof Mitte in Dresden ihr Zuhause haben.

von Silke Hartmann | 4. Sep. 2026 | Vogelschutz

bearbeitet am 4. September 2026

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon als Kind interessierte sich Silke Hartmann für Vögel, aber kannte lange niemanden, der diese Begeisterung teilte. Um Gleichgesinnte zu finden, ging sie ins Internet und merkte schnell, dass es vielen Menschen so geht wie ihr früher. Deshalb gibt sie jetzt ihr Vogelwissen und ihre Begeisterung in Onlinekursen, ihrem Podcast "Vögel, aber cool!", ihrem Blog und auf Instagram weiter. Ihr erstes Buch "Die Superkräfte der Vögel" wurde zum "Wissensbuch des Jahres 2024" gewählt. Ihr zweites Buch "Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" richtet sich an Kinder ab 7 Jahre.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein 1. Buch: "Die Superkräfte der Vögel"

"Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" – Mein Vogelbuch für Kinder ab 7

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