Wenn über die Ursachen des Vogelrückgangs gesprochen wird, fallen meist zuerst Begriffe wie Lebensraumverlust, intensive Landwirtschaft oder Klimawandel. Der Einfluss von Freigängerkatzen wird dagegen deutlich seltener thematisiert und wenn doch, dann oft emotional. Schade eigentlich, denn Freigängerkatzen gehören zu den Faktoren, die wir Menschen unmittelbar beeinflussen können. Dabei geht es auch nicht um einzelne dramatische Beobachtungen oder die eigene Katze, sondern um eine grundsätzliche Frage: Wie lassen sich die Bedürfnisse von Freigängerkatzen mit dem Schutz wildlebender Vögel vereinbaren?
Die Antwort darauf ist leider weniger bequem, als ich es mir wünschen würde.
Wie lassen sich Vogelschutz und Freigängerkatzen vereinbaren?
Ich weiß, Katzenhaltende möchten das nicht hören, und ich wünschte, es gäbe eine bequemere Antwort, aber aus Sicht des Vogelschutzes muss man ehrlich sagen: Vogelschutz und Freigängerkatzen lassen sich nicht vereinbaren.
Das Problem ist dabei nicht die einzelne Katze. Das Problem entsteht, weil es inzwischen sehr viele von ihnen in unseren Siedlungen gibt und sie in der Natur nicht eingeplant sind. So unnatürlich viele Beutegreifer wie jetzt kann kein Ökosystem aushalten, besonders keins, das sowieso schon aus den Fugen geraten ist.
Da sie durch menschliche Züchtungen und nicht durch Evolution entstanden sind, sind sie kein natürlicher Bestandteil der Ökosysteme. Sie sind auch deshalb nicht Teil der natürlichen Nahrungskette, weil sie von uns Menschen durchgefüttert werden und nicht selbst für ihr Überleben sorgen müssen.
Es gibt lobenswerte Versuche, den schädlichen Einfluss, den Katzen auf ihre Umgebung haben, zu reduzieren. Häufig genannt werden zum Beispiel bunte Halsbänder oder Glöckchen, die Vögel auf sie aufmerksam machen sollen. Solche Maßnahmen können im Einzelfall helfen, aber sie haben klare Grenzen. Die jungen, noch flugunfähigen Vögel, die Katzen besonders häufig zum Opfer fallen, werden dadurch nicht geschützt.
Wenn man den schädlichen Einfluss wirklich reduzieren will, bleibt am Ende nur eine sehr konsequente Maßnahme: Katzen im Frühjahr bis in den Sommer im Haus zu behalten, mindestens nachts und in den Morgenstunden, wenn viele Vögel besonders aktiv oder besonders verletzlich sind. Das scheint für viele Katzenhaltende schwer umzusetzen, aber aus Vogelschutzsicht ist es die einzig wirksame Möglichkeit.
Wie groß ist der Einfluss von Katzen im Vergleich zu anderen Gefahren?
Neben Katzen gibt es weitere große Gefahren für Vögel: Fensterschlag, Lebensraumverlust und Windenergieanlagen. Diese Faktoren werden oft gegeneinander abgewogen, wohl weil sie alle menschgemacht sind und wir daher Verantwortung für sie tragen (müssten). Sie wirken jedoch sehr unterschiedlich, da sie in unterschiedlichen Lebensräumen stattfinden.
- Windenergieanlagen gefährden Vogelarten, die im freien Feld oder auf dem Meer vorkommen oder die dort ziehen.
- Katzen sind eine Gefahr für die Vögel, die siedlungsnah leben.
- Ungesicherte Fensterscheiben gefährden sowohl Vögel, die siedlungsnah leben, als auch alle Vögel, die ziehen.
- Lebensraumverlust bedroht inzwischen fast alle Arten.
Wenn man anfängt, diese Faktoren gegeneinander abzuwägen, könnte man meinen, dass einzelne weniger schlimm seien als andere. Aber das greift zu kurz.
Windenergieanlagen per se töten möglicherweise weniger Individuen als Fensterscheiben; Sie beeinflussen aber Arten, von denen es sowieso viel weniger Individuen gibt, so dass die Auswirkungen relativ oder prozentual gesehen ähnlich verheerend sein können.
Diese unterschiedlichen Faktoren gegeneinander auszuspielen oder auch nur abzuwägen ist nicht zielführend. Die Bestandszahlen viel zu vieler Vogelarten befinden sich im freien Fall. Wir müssen daher an allen diesen Stellen gleichzeitig ansetzen und diese Gefahrenquellen reduzieren, um Vogelleben so gut wir können zu schützen.
Was tun bei vielen Nachbarskatzen?
Die einzig wirksame Maßnahme bei Nachbarskatzen ist es, mit den Menschen zu reden, die die Katzen halten. Die Katzen selbst können nichts für ihr Verhalten. Die Verantwortung liegt bei den Menschen, die diese Tiere in Obhut genommen haben.
Immer wieder werden auch Hausmittel empfohlen, um Katzen aus dem eigenen Garten fernzuhalten. Dazu gehören zum Beispiel stark riechende Pflanzen wie Oregano, Zitronenmelisse, Rosmarin, Lavendel oder Knoblauch. Auch soll es helfen, die Beete zu mulchen oder Kaffeesatz zu verteilen.
All diese Methoden können funktionieren – müssen es aber nicht. Und selbst wenn sie Katzen erfolgreich aus dem eigenen Garten fernhalten sollten, verschieben sie das Problem jedoch nur in die Nachbarsgärten. Eine echte Lösung entsteht dadurch nicht.
Ein schwieriges Fazit
Es gibt bei diesem Thema keine einfache, perfekte Lösung, aber es gibt eine klare Realität: Wenn wir Vögel schützen wollen, müssen wir alle menschgemachten Gefahren ernst nehmen – auch die, denen wir uns emotional verbunden fühlen. Hinschauen tut weh und ist unbequem, aber es ist wichtig, dass wir Verantwortung für die Systeme tragen, die wir selbst geschaffen haben. Katzen sind nicht „das Problem“, aber in ihrer Masse verursachen sie große Probleme in einem ohnehin schon fragilen Ökosystem. Und vielleicht beginnt Mut genau hier: Wenn wir nicht nach dem einen Schuldigen suchen, auf den wir unsere Verantwortung abwälzen können, sondern mit dem ehrlichen Blick auf das, was wir beeinflussen können.
Dieser Artikel war ursprünglich eine Auftragsarbeit für ein Garten-Onlinemedium, denen das Thema dann bei näherer Betrachtung offenbar doch zu heiß war. Und ehrlich gesagt ist das symptomatisch. Auch andere Organisatoren scheuen sich davor, hier Tacheles zu reden und Stellung zu beziehen. Aber so kommen wir doch nicht weiter, Leute.
Bildnachweis: Das Foto der Katze, die sich auf dem Headerbild so geheimnisvoll zwischen den Bohnen in Rujnița, Republik Moldau, versteckt, stammt von Iurie und steht unter CC0-Lizenz. Danke dafür!











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