Raubvogel oder Greifvogel – die Begriffe hast du bestimmt beide schon mal gehört und dir wahrscheinlich nicht viel dabei gedacht. Aber jetzt, da du darüber nachdenkst: Was ist eigentlich der Unterschied?
Ich muss gestehen: Früher habe ich mir auch nichts dabei gedacht, „Raubvogel“ oder „Greifvogel“ zu sagen. Unter beiden Begriffen konnte ich mir etwas vorstellen: einen Mäusebussard, einen Wanderfalken, eine Schleiereule. Aber wo genau der Unterschied lag, war mir vage egal und lange nicht klar. Ich habe sie einfach synonym verwendet und gehofft, dass das schon so passt.
Erst als ich anfing, mich intensiver mit der Macht der Sprache zu beschäftigen, fiel mir auf, was „Raubvogel“ eigentlich bedeutet, und ich begann zu recherchieren. Ich fand schnell raus, dass der Unterschied zwischen den beiden Wörtern unbequemer ist, als mir lieb war: Er liegt nicht in der Biologie. Er liegt zwischen meinen Ohren: Meine Einstellung macht den Unterschied.
In diesem Artikel erkläre ich den Unterschied und zeige, warum die Begriffe so oft durcheinandergebracht werden.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Unterschied zwischen „Raubvogel“ und „Greifvogel“ liegt nicht in der Biologie, sondern in der Wertung: „Raubvogel“ unterstellt dem Tier, es nehme sich etwas, das ihm nicht zusteht; „Greifvogel“ beschreibt nur die Jagdtechnik.
- „Raubvogel“ war früher ein wissenschaftlicher Ordnungsname, wurde aber verworfen, weil die Gruppe stammesgeschichtlich nicht zusammengehört.
- Molekulargenetische Untersuchungen zeigen, dass Falken näher mit Papageien und Singvögeln verwandt sind als mit Adlern oder Bussarden.
- In Deutschland stehen Greifvögel heute ganzjährig unter Schonzeit, geschützt durch Bundesnaturschutzgesetz und EU-Vogelschutzrichtlinie.
- Greifvögel regulieren als Teil des Ökosystems die Bestände ihrer Beutetiere.
Was ist der Unterschied zwischen Raubvogel und Greifvogel?
Beide Begriffe meinen umgangssprachlich dieselben Vögel: Bussarde, Adler, Falken, Habichte, Eulen. Aber im Wort „Raubvogel“ steckt eine menschliche Wertung. Es unterstellt dem Vogel, dass er raubt, sich also etwas nimmt, das ihm nicht gehört und auf das er keinen Anspruch hat.
Und ja: Es ist kein niedlicher Anblick, wenn ein Habicht eine Stadttaube schlägt oder ein Turmfalke eine Feldmaus aus dem Gras fischt und Stückchenweise frisst. Aber im Gegensatz zu uns tut er das nicht aus Mordlust oder zum Spaß. Fleisch ist seine Hauptnahrung, und die muss er sich selbst erjagen. Er tut das, um zu überleben.
Er „raubt“ nicht, weil einerseites die Maus oder die Taube, die er tötet, niemanden gehören, außer sich selbst. In „rauben“ steckt die Sichtweise, dass Wildtiere unsere Konkorrenz sind, dass sie uns etwas wegnehmen, auf das wir einen Anspruch haben, das uns gehört. Diese Haltung halte ich für rückständig und veraltet.
Andererseits „raubt“ ein Tier nicht, weil es in seiner Welt keine gesellschaftliche Wertung und keine Moral gibt, die wir Menschen sehr wohl haben, deren Anspruch wir aber nicht auf andere Lebewesen übertragen sollten.
Es geht also ums Überleben. Das Wort „Greifvogel“ beschreibt das sachlich: ein Vogel, der Beute mit kräftigen Krallen greift und festhält. Es geht um die Jagdtechnik, nicht um eine moralische Bewertung.
Woher kommt der Begriff „Raubvogel“?
„Raubvogel“ war mal mehr als nur ein unglückliches Wort im Volksmund: Es war ein offizieller wissenschaftlicher Ordnungsname. (Falls dich die Systematik, also die Einteilung der Vögel interessiert, findest du hier eine verständliche Erklärung.) Rapaces, Raptatores nannten Forscher diese Gruppe, und darunter fielen Falken, Greifvögel und Eulen zusammen. Sie alle sind Vögel mit kräftigem, hakenartig gekrümmtem Schnabel und kräftigen spitzen Krallen, die beim Greifen und Töten der Beute praktisch ist. Klingt logisch.
Nur: Diese Einteilung stimmte nicht. Ende des 19. Jahrhunderts fiel auf, dass Eulen mit den anderen Vögeln in dieser Gruppe gar nicht näher verwandt sind. Deshalb flogen die Eulen schon mal raus und bekamen ihre eigene Ordnung.
Viel später, im 21. Jahrhundert, fiel diese Einteilung endgültig in sich zusammen: Die moderne Molekulargenetik stellte fest, dass Falken näher mit Papageien und Singvögeln verwandt sind als mit Adlern oder Bussarden. Sie haben parallel ähnliche Verhaltensweisen entwickelt, ohne miteinander verwandt zu sein.
In der Ordnung der Greifvögel blieben die Habichtartigen gemeinsam mit dem Fischadler, dem Sekretär und den Neuweltgeiern. Eulen und Falkenartige bilden eigene Ordnungen.
„Raubvogel“ hält also nicht mal mehr stammbaumtechnisch zusammen, was er zusammenfassen will. Kein Wunder, dass die Wissenschaft den Begriff als Ordnungsname längst fallen gelassen hat. Er ist aber auch ungenau, weil er auf viele andere Vögel zutrifft, die ebenfalls jagen. Ein Neuntöter macht im Prinzip dasselbe wie ein Turmfalke. Da die meisten Menschen an seiner Beute kein Interesse haben – und auch keine Empathie für sie –, wird er auch von niemanden Raubvogel genannt.
Als Greifvögel als Feinde galten
Dass der Begriff für diese Vogelgruppe so negativ besetzt ist, geht schon weit zurück. Im 19. und noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galten Greifvögel, Eulen, aber auch Rabenvögel oder Füchse als „Raubzeug“ und wurden als Nahrungskonkurrenten gesehen, die den Jägern das Wild „wegschnappten“.
Auch heute noch gibt es Ewig-Gestrige, die die Vögel als Konkurrenz sehen und deshalb hassen. Die Folge: Sie schießen die Vögel ab, vergiften sie, fangen sie in Fallen – rücksichtslos, systematisch und seit Jahrzehnten. Auch und gerade bei uns in Deutschland! Die Bestände mancher Arten wurden durch diesen irrationalen Hass massiv dezimiert, manche Arten fast ausgerottet.
Heute wissen wir es besser
Die Einteilung der Natur in gutes Tier und böses Tier war lange ganz Standard – nicht nur an Stammtischen und unter Jägern, sondern auch der NABU hat bei seiner Gründung noch so unterschieden.
Zum Glück sind wir heute weiter. Greifvögel stehen in Deutschland heute ganzjährig unter Schonzeit, geschützt durch das Bundesnaturschutzgesetz und die EU-Vogelschutzrichtlinie. Sie dürfen nicht mehr bejagt, gefangen, getötet oder gestört werden. Auch ihre Nester dürfen nicht zerstört werden. Für besonders bedrohte Arten wie den Seeadler oder den Fischadler gibt es in verschiedenen Bundesländern Schutzprogramme.
Auch wenn es keinen Grund bräuchte, Lebewesen zu respektieren und zu schützen, verstehen wir inzwischen, dass Greifvögel im Ökosystem eine wichtige Rolle spielen. Sie regulieren die Bestände ihrer Beutetiere und holen sich dabei überdurchschnittlich oft kranke oder geschwächte Individuen. Inzwischen gehen wir davon aus, dass auch Vögel wie Rotmilane oder Mäusebussarde früher seltener jagen mussten als heutzutage, weil sie öfter Gelegenheit hatten, sich von Aas zu ernähren.
Fazit
Der Begriff „Raubvogel“ transportiert – im Unterschied zu „Greifvogel“ – ein falsches Bild, das wir längst widerlegt haben, und ist als Sammelbegriff sowohl ungenau als auch unsachlich. Es wird also höchste Zeit, dass wir diese negativ-besetzte Bezeichnung für Vögel aus unserem kollektiven Wortschatz streichen.
Und du?
Hast du dir darüber schon mal Gedanken gemacht? Sagst du aus Gewohnheit noch „Raubvogel“, oder ist dir das Wort inzwischen fremd? Ich bin gespannt, wie es bei dir ist. Schreib es mir gern in die Kommentare.
Wenn du noch mehr über die Sprache rund um Vögel erfahren willst, melde dich gern in meinem Newsletter an. Dort räume ich regelmäßig mit solchen Missverständnissen auf.











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