Auch wir Menschen kennen das Problem: Wenn wir versuchen, uns an einem rauschenden Gebirgsbach zu unterhalten oder in der Disko verschluckt der Lärm jedes Wort. Tiere, die auf akustische Kommunikation setzen, stehen genau vor derselben Herausforderung. Eine neue Studie zeigt nun, dass Wasseramseln eine erstaunliche Möglichkeit gefunden haben, damit umzugehen.
Das Problem der Wasseramseln
Wasseramseln leben an schnellen, klaren Flüssen, besonders gerne dort, wo der Lärmpegel sehr hoch ist. Sie bauen ihre Nester in die Steilwänder der Ufer und holen sich ihre Nahrung aus dem Fluss. Als einziger Singvogel hier bei uns können sie schwimmen, tauchen und auf dem Boden des Gewässers gehen, um an Larven von Mücken und Köcherfliegen, an Flohkrebse oder Schnecke zu kommen.
Zwar haben Wasseramseln ein großes Stimmrepertoire, doch ihre Rufe und Gesänge werden meist von der lauten Geräuschkulisse ihres Lebensraums übertönt. Wegen des niedrigen Wasserstands sind ihre Stimmen im Februar und März am besten zu hören. Sowohl die Weibchen als auch die Männchen singen jedoch das ganze Jahr über.
Die Studie
Forschende des Max-Planck-Instituts für biologische Intelligenz und der Lancaster University haben nun untersucht, wie sich Wasseramseln unter diesen erschwerten Bedinungen verständigen. Dafür beobachteten sie die Vögel über 300 Stunden lang im britischen Yorkshire Dales National Park. Sie entdeckten, dass diese kugeligen Vögel erstaunlich flexibel bei der Kommunikation sind. Statt nur auf ihre Stimme zu setzen, nutzen Wasseramseln auch optische Reize, um mit Artgenossinnen in Kontakt zu bleiben: Sie blinzeln mit ihren weißen Augenlidern, die sich deutlich von ihrem dunklen Gefieder abheben.
Wasseramseln fügen ihren Gesängen diese visuellen Signale aber nicht nur einfach hinzu. Je nach Situation scheinen sie zwischen beiden Kommunikationsarten zu wechseln. Sie blinzeln häufiger, wenn der Fluss lauter wird und andere Wasseramseln in der Nähe sind. Und spannend: Die Vögel, die am häufigsten blinzeln, singen meistens leiser.
Außerdem entscheiden sie je nach Situation, ob akustische oder visuelle Signale gerade besser funktionieren. Wenn niemand da ist, singen sie lauter. Wenn andere Wasseramseln in der Nähe sind, setzen sie auf visuelle Verständigung. Das zeigt, dass diese Umstellung ein soziales Verhalten ist und nicht nur die Reaktion auf den Lärm des Wassers. Und damit sind sie erstaunlich flexibel.

Was bedeutet das?
Dass Tiere mehrere Sinne in der Kommunikation nutzen, ist nicht neu. Aber dass sie so aktiv zwischen den Sinnen wechseln, wurde bisher sehr selten dokumentiert. Die Wasseramsel gehört damit zu den wenigen Arten überhaupt, bei denen ein solcher „multimodaler Wechsel“ nachgewiesen wurde.
Die Arbeit zeigt, wie flexibel und erfinderisch Vögel sein können, wenn Umweltbedingungen herausfordernd sind. Sie wirft aber auch spannende neue Fragen auf: Wie verhindern die Tiere Missveständnisse, wenn ihre Kommunikation so komplex wird? Wie viele andere Tiere nutzen vielleicht ähnliche Strategien, die wir bisher einfach übersehen haben? Vielleicht ist die Kommunikation der Wasseramsel erst die Spitze des Eisbergs.
Quelle
Léna de Framond, Stuart P. Sharp, Kevin Duclos, Thejasvi Beleyur, Henrik Brumm: Stream noise induces song plasticity and a shift to visual signals in a riverine songbird. Current Biology, Volume 35, Issue 18, 2025. Pages 4570-4576.e6. ISSN 0960-9822, https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.07.049.













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