Ich muss zugeben: Als ich die Einladung bekam, den Film "H wie Habicht" vorab anzuschauen, war ich erstmal skeptisch. Sehr skeptisch. Ich kenne die Buchvorlage von Helen Macdonald (zumindest den Anfang), und die hat mich vor Jahren so wütend und traurig gemacht, dass ich sie weggelegt habe.
Das Buch ist ein gefeierter Bestseller und gilt als ein moderner Klassiker des Nature Writing. Für mich ist es vor allem die detailreiche Beschreibung, wie ein Vogel gebrochen wird, weil ein Mensch zumindest über irgendetwas Macht haben will.
Am Donnerstag, den 23. Juli 2026, kommt jetzt die Verfilmung von Regisseurin Philippa Lowthorpe in die deutschen Kinos. Und weil ich weiß, dass mich einige von euch wieder fragen werden, was ich von dem Film halte, habe ich ihn mir vorab angeschaut. Und weil ich neugierig war, klar.
Mein Kurzfazit: Ich bin hin- und hergerissen. Here is why:
Das Wichtigste in Kürze:
- Mein Fazit: "H wie Habicht" ist bildstark und berührend erzählt. Trotzdem kann ich den Film nicht vorbehaltlos empfehlen.
- Der Film zeigt die Zähmung des Habichts deutlich zurückhaltender als das Buch von Helen Macdonald.
- Das Kernproblem bleibt: Die Geschichte normalisiert, einen Greifvogel für die eigene Trauerbewältigung zu vereinnahmen.
- Am Set wurden zwei Habichte eingesetzt. Bei den Dreharbeiten herschten daher strenge Regeln.
- Kinostart in Deutschland: 23. Juli 2026, Regie: Philippa Lowthorpe, Hauptdarstellerin: Claire Foy
Worum geht es in "H wie Habicht"?
Es ist eine Geschichte über Trauer, die sich einen Umweg über einen Greifvogel sucht.
Helen ist Wissenschaftlerin in Cambridge, als ihr Vater überraschend stirbt. Statt zu trauern, organisiert sie sich ein Habichtweibchen, weil sie mit ihrem Vater gemeinsam Habichte beobachtet hat. Sie nennt sie Mabel, zieht sich mit ihr zurück, schaltet das Telefon aus und füllt den Gefrierschrank mit toten Küken. Während sie versucht, Mabel an sich zu gewöhnen und für die Jagd vorzubereiten, verliert sie zunehmend den Kontakt zu ihrer Familie, ihrer Karriere, ihrer besten Freundin und zu sich selbst.
Die britisch-irische Besetzung hat mir großen Spaß gemacht:
- Claire Foy (die ich vor allem in Wölfe schätzen gelernt habe) spielt Helen,
- Brendan Gleeson (bekannt aus Brügge sehen und sterben oder als Mad Eye Moody in den Harry-Potter-Verfilmungen) ihren Vater,
- Lindsay Duncan (fabelhaft und ganz anders als in Sherlock oder In 80 Tagen um die Welt) ihre Mutter,
- Denise Gough (die ich ehrlich gesagt noch gar nicht auf dem Schirm hatte) ist Helens beste Freundin Christina.
Warum ich mit der Geschichte grundsätzlich hadere
Vielleicht fragst du dich jetzt: Was ist so schlimm daran, sich ein Tier zuzulegen, um mit dem Leben klarzukommen? Ich finde: alles! Ein Tier ist kein Therapeutikum. Es ist ein Lebewesen mit eigenem Willen, eigenen Bedürfnissen, einem eigenen Leben, das es lieber frei und selbstbestimmt führen würde, als abhängig, sozial vereinsamt und fehlgeprägt auf eine fremde Art zu sein.
Die Grundprinzipien der Falknerei sind Besitz- und Unterwerfungsdenken, Allmachtfantasien, ganz gleich, wie "liebevoll" sie im Einzelfall betrieben sein mag. Sie arbeitet mit Futterentzug, Isolation, erzwungener Nähe und Anbindung, um einen freiheitsliebenden Vogel so weit zu bringen, dass er einem Menschen vertraut und zu ihm zurückkehrt, statt einfach wegzufliegen. Man nennt das "abrichten". In Wahrheit wird dabei der Wille eines Tieres gebrochen, damit es "funktioniert". Es wird ohne Not für unsere Zwecke, unsere Unterhaltung, unseren Spaß missbraucht.
Ich hadere mit der Geschichte von "H wie Habicht", weil sie etwas normalisiert und feiert, was ich für falsch halte. Das hat sich durch das Ansehen des Films nicht geändert. Aber der Film selbst hat mich positiv überrascht.
Warum ich das Buch abgebrochen habe
Ich habe an anderer Stelle ausführlicher über das Buch geschrieben, deshalb hier nur kurz meine Kernkritik: Macdonalds Memoiren beschreiben die Zähmungsphase sehr ausführlich und gewaltvoll. Wie Helen versucht, Mabel durch Hunger und Kontrolle gefügig zu machen, wie der Vogel leidet, wie Helen dabei selbst fast zerbricht – allerdings nicht aus Mitgefühl für den Habicht, sondern weil sie nicht "erfolgreich" ist. Diese Passagen fand ich unerträglich zu lesen, weil der sinnlose Gewaltakt gegen ein Tier hier literarisch gefeiert wird, ohne dass diese Gewalt selbst oder ihr Sinn jemals infrage gestellt werden.
Dazu kommt "Nature Writing": die ausführliche, scheinbar empathische, gefühlvolle Beschreibung der Natur. In diesem Kontext wird so getan, als sei es natürlich, ein Lebewesen einzusperren und zu quälen, weil man dann wieder eine kurze Stippvisite in die Natur mit ihm machen und sich so als Teil der Natur fühlen kann. Bravo.
Was macht der Film anders als das Buch?
In diesem für mich so schmerzvollen Teil des Buches unterscheidet sich der Film: Die Phase des Brechens wird im Film stark verkürzt gezeigt. Man sieht nicht den langen, qualvollen, verzweifelten Prozess des Abrichtens aus Vogelperspektive. Stattdessen erzählt Lowthorpe in ruhigen Bildern vor allem von Helens Trauer, davon, wie entwurzelt, unsozial und haltlos sie wird. Sie ist aus dem Gleichgewicht geraten und sucht Halt, aber anders als im Buch wird Mabel dabei nicht zur Gegenspielerin, die es zu besiegen gilt. Es scheint eher wie ein – unrealistisches – Miteinander.
Der Film fokussiert auf Helen und zeigt eine Geschichte der Trauer, in der ein Vogel eine Rolle spielt. Das macht sie leichter zu ertragen und sorgt dafür, dass ich mich sogar mit ihr identifzieren kann.

Eine Szene, die mir besonders hängen geblieben ist
Es gibt eine kurze Szene, in der ein Hauch Kritik aufkommt und die mich positiv überrascht hat: Bei einem Vortrag wirft ein Mann aus dem Publikum Helen vor, sie nutze Mabel, um, wie er es nennt, "zum Spaß zu töten". Helen reagiert darauf hitzig und wenig überzeugend, verliert die Zuhörenden. Die Szene wirkt ein bisschen überdramatisiert, sie bleibt eine Randnotiz, kein Wendepunkt und spiegelt auch nicht meine Kritik an der Falknerei wider. Aber allein, dass der Film überhaupt Kritik thematisiert und sie unaufgelöst stehen lässt, fand ich gut.
Die Habichte hinter den Kulissen
Besonders verstörend fand ich, als Helen in dem Film mit Mabel durch die Innenstadt spazieren geht, den Vogel also unfassbarem Stress aussetzt, um sein Vertrauen zu testen. Sie nimmt ihn sogar mit zu einem Empfang und zu einem Vortrag.
Im Gegensatz dazu scheint den Macherinnen des Films sehr wohl bewusst zu sein, dass man so nicht mit echten Tieren umgehen sollte. Für die Dreharbeiten wurden zwei Habichte eingesetzt und am Set galten strenge Regeln, sobald die Vögel anwesend waren: nur Menschen, die wirklich und wahrhaftig benötigt wurden, durften dabei sein, sie mussten gedeckte Kleidung tragen und es musste so ruhig wie möglich sein. Bei den Außenaufnahmen musste sich die Crew in Zelte zurückziehen. Außerdem wurde nur im Spätherbst und Winter gedreht, weil die Vögel danach in die Mauser gehen.
Warum ich an "H wie Habicht" andere Standards setze als an Krimis
Jetzt könnte man bei all meiner Kritik entgegnen: "Yo, Silke, prima, aber ist doch nur ein Film". Und yo, ich schaue auch Krimis, ohne dass ich Mord gutheiße. Aber in dem Fall ist die moralische Bewertung gesellschaftlich klar: Wir alle wissen, dass Mord falsch ist. Über Falknerei haben sich die meisten Menschen wahrscheinlich noch keine Gedanken gemacht. Deshalb übernehmen sie die unkritische Haltung des Films und der Geschichte dahinter leichter.
Der Film zeigt, wie sehr Helen aus der Bahn gerät, während sie einen wilden Vogel für ihre Trauerarbeit vereinnahmt. Aber er urteilt nicht darüber, ob das, was sie tut, in Ordnung ist. Helens Familienangehörige machen sich Sorgen um sie, nicht um den Habicht. Die einzige Figur, die offen Kritik äußert (der Typ bei dem Vortrag), wirkt wenig sympathisch. Seine Kritik bleibt damit nicht ernstzunehmen. Und überhaupt ist das nicht MEINE Kritik an der Falknerei und dem Grundgedanken des Films, denn die geht viel weiter.
Am Ende stellt sich Helen ihrer Trauer, findet sowas wie Frieden und stößt den Habicht ab. Den Vogel, der ihr doch so dringend vertrauen sollte. Der Habicht hat seine Schuldigkeit getan und bleibt Mittel zum Zweck, moralisch unkommentiert.
Kann der Film einen Habicht-Hype auslösen?
Ja, das glaube ich, denn eine Sache, die mir zusätzlich latent Sorge macht, hat mit dem Film selbst eigentlich wenig zu tun. Durch Harry Potter stieg weltweit die Nachfrage nach Eulen als Haustier (!!!) deutlich an und mit ihr der illegale Handel mit Eulen, der auch Wildbestände bedroht. Millionen von Kindern quer über den Globus wünschten sich so eine niedliche Eule als Kuschel-Haustier, die ihnen das Tor zur Zauberwelt aufstoßen möge ... oder was auch immer. Nur: Eulen sind dafür denkbar ungeeignet. Sie sind nachtaktive Jägerinnen mit sehr scharfen Krallen und einer durchdringenden Stimme. Viele Tiere landeten wenig später irgendwo in Tierheimen oder wurden kurzerhand ausgesetzt.
»H wie Habicht«, ein Kinofilm mit prestigeträchtigem Cast und wunderschönen Bildern, der die warmherzig erzählte "Ich hol mir einen Habicht, um meine Probleme zu lösen"-Geschichte normalisiert, kann ähnliche Bedürfnisse bei Erwachsenen auslösen und einen ebensolchen (zugegeben: kleineren) Hype verursachen, der den Greifvögeln langfristig schadet.
Hoffen wir, dass stattdessen die meisten Menschen einfach nur "dazu inspiriert werden, selbst einen Waldspaziergang zu unternehmen und auf
ihre eigene Weise eine Verbindung zur Natur herzustellen.", wie die Regisseurin Philippa Lowthorpe es ausdrückte.
Das Fazit meiner Kritik an "H wie Habicht"
Der "H wie Habicht"-Film ist ruhig erzählt, mit einer bemerkenswerten Claire Foy und schönen, unaufgeregten Landschaftsbildern. Als Film über Trauer und darüber, wie man sich in etwas verliert, um nicht fühlen zu müssen, hat er mich überraschenderweise abgeholt. Trotzdem kann ich ihn zum Kinostart nicht empfehlen, ohne meine Vorbehalte deutlich zu machen. Zu normalisieren, dass ein Mensch ein empfindsames Lebewesen seinen eigenen Bedürfnisse unterwirft, bleibt für mich falsch, so einfühlsam es hier auch dargestellt sein mag.
Und jetzt überlegen wir bitte mal, was für eine gute Geschichte das hätte werden können, wenn Helen den Habicht einfach nur beobachtet hätte, ohne ihn besitzen zu wollen. Genau darum geht es doch bei der Vogelbeobachtung: hinschauen, staunen, verstehen, ohne einzugreifen und möglichst ohne zu stören. Und wenn du genau das lernen willst, ist mein Vögel-entdecken-Kurs das Richtige für dich.
Wie ist es dir mit dem Buch, dem Film oder dem Trailer ergangen: Kannst du meine Gedanken nachvollziehen, oder siehst du das anders? Ich freue mich auf deine Gedanken in den Kommentaren.
Die Filmdetails in Kürze
- Film: H wie Habicht
- Regie: Philippa Lowthorpe
- Drehbuch: Philippa Lowthorpe, Emma Donoghue (nach dem gleichnamigen Buch von Helen Macdonald)
- Cast: Claire Foy, Brendan Gleeson, Lindsay Duncan, Denise Gough u. a.
- Länge: 114 Minuten
- Kinostart in Deutschland: 23. Juli 2026
- Die Buchvorlage "H wie Habicht" von Helen Macdonald, übersetzt von Ulrike Kretschmer, kannst du zum Beispiel bei Amazon* oder in der Autorenwelt bestellen – und natürlich in der lokalen Buchhandlung deines Vertrauens.
→ Hier nochmal meine ausführliche Besprechung des Buchs.
Häufige Fragen in der Übersicht
Der Film startet am 23. Juli 2026 in den deutschen Kinos, Regie führt Philippa Lowthorpe.
Ja, der Film basiert auf den Memoiren von Helen Macdonald, die nach dem Tod ihres Vaters tatsächlich einen Habicht abgerichtet hat.
Mit Vorbehalt: Ich finde ihn bildstark und berührend erzählt, aber die Grundidee, einen Vogel der eigenen Trauerbewältigung unterzuordnen, bleibt für mich problematisch.
Ja: Der Film zeigt die qualvolle Zähmungsphase deutlich verkürzter und weniger drastisch als das Buch und fokussiert stärker auf Helens Trauer.
Claire Foy, Brendan Gleeson, Lindsay Duncan und Denise Gough.
Bildnachweis für das Titelbild: Filmszene aus "H wie Habicht" © 2025 Protagonist Hawk Limited, Saturnia LLC and Channel Four Television Corporation. All Rights Reserved.
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