Lisa Ridzén: Wenn die Kraniche nach Süden ziehen (übersetzt von Ulla Ackermann)
Vogelfans, ich sach's wie es ist: Eigentlich bin ich Bücher leid, in denen mir die Welt aus Sicht eines Mannes erklärt wird. Dieses Buch habe ich daher nur geöffnet, weil es von einer Frau geschrieben ist und weil es mir im Titel Kraniche versprach. Ehrlicherweise kommen Kraniche jedoch nur sehr, sehr selten vor. Dreimal, wenn ich mich recht erinnere. Vielleicht auch viermal. Das ist aber auch das Einzige, das ich an dem Buch auszusetzen habe.
Darum geht's
Die Ankunft der Kraniche in Schweden und ihr Aufbruch in die Winterquartiere sind die beiden Zeitmarken, zwischen denen diese Geschichte in der Gegenwart spielt. Sie beschreibt den letzten Sommer von Bo. Seitdem seine Frau aufgrund ihrer Demenzerkrankung in ein Pflegeheim ziehen musste, lebt der 89-Jährige allein mit seinem Hund Sixten in einem alten Häuschen auf dem Land. Der Hund schenkt ihm Nähe und gibt seinem Alltag Struktur.
Als Bos Sohn beschließt, dass der Hund abgegeben werden soll, gerät Bos fragile Welt ins Wanken. Er versucht mit allen ihm verbliebenen Mitteln dafür zu kämpfen, dass Sixten bei ihm bleiben kann. Dabei blickt er auf sein Leben zurück und auf die Entscheidungen, die ihn zu dem Menschen gemacht haben, der er geworden ist.
Er hadert ein letztes Mal mit seinem Vater, seiner eigenen Rolle als Vater, Ehemann und Freund und mit den vielen kleinen und großen Verlusten, die sich nach und nach in sein Leben eingeschlichen haben. Die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen für ihn immer weiter, während er sich Tag für Tag mehr aus dem Leben zieht.
Darum ist das toll
Lange habe ich nicht mehr so geweint bei einem Buch. Dabei ist es keine traurige Geschichte. Sie ist warmherzig, humorvoll und voller Menschlichkeit.
Zu sehen, wie Bo halsstarrig, hartnäckig, erfindungsreich für das kämpft, was für ihn wichtig ist, und doch nicht gewinnen kann, hat mich sehr berührt. Durch seine Prägung steht er sich und seinen Lieben viel zu oft selbst im Weg und verpasst Chancen auf mehr Nähe in seinen Beziehungen.
Ich fand es aber auch schön, ihn ganz ruhig durch die Tiefs seines Alltags zu begleiten, eine Ahnung seiner körperlichen Einschränkungen zu bekommen, die das Alter ihm gebracht hat, und ihn Tag für Tag beim Sterben zu begleiten, dem er sich ohne Drama und ohne Angst stellt.
Lisa Ridzén hat mit Bo einen Helden mit Ecken und Kanten geschaffen, den sie nicht idealisiert, aber mit großer Zuneigung beschreibt. Ein anrührender und wohltuender Roman über das Altsein, das Sterben, das Leben, über Verlust, Liebe und darüber, sich selbst im Weg zu stehen.
Buchdetails
Lisa Ridzén: Wenn die Kraniche nach Süden ziehen (aus dem Schwedischen übersetzt von Ulla Ackermann). Penguin 2026. 384 Seiten.
978-3-442-76296-5
Gibt’s zum Beispiel in der Autorenwelt, bei Amazon* und natürlich in der lokalen Buchhandlung deines Vertrauens.
Und jetzt?
Noch mehr Buchtipps von mir findest du in der Kategorie "Bücher & Dokus".
Buchtipps speziell für den Sommer habe ich hier zusammengestellt.
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Liebe Silke,
danke für deinen Buchtipp. Das klingt sehr berührend. Ich habe es mir auch gerade in meiner Bücherei auf die Merkliste gesetzt. Das klingt auf jeden Fall sehr gut.
Ich habe am Wochenende gelesen: Widder Sehen von Leonie Swann, das dritte Buch der Glenkill-Reihe.
Vögel, Schafe, Schafe, Vögel – irgendwie sind doch alle gleich.
Ich fand es super erfrischend und ebenfalls sehr warmherzig und pointiert witzig. Dass ich das erste gelesen habe ist tatsächlich schon 21 Jahre her. Man muss die alten Bücher auch nicht in der Erinnerung haben, es wird einiges wiederholt.
Einen gute Lese-Sommer für dich mit vielen tollen Begegnungen auf dem Papier oder außerhalb.
Liebe Grüße
Steffi
Liebe Steffi,
bitte sag mir, dass du lügst – oder zumindest mittelprächtig recherchiert hast! Das ist ein Zahlendreher, oder? Das ist doch noch NICHT 21 Jahre her!!! Du liebe Güte, das würde ja bedeuten, ich wäre … Ach, lassen wir das 🙂 Da kann das arme Buch ja auch nichts für. Und ehrlich gesagt ist es bisher komplett an mir vorbei gegangen, dass es einen dritten Teil gibt. Aber wie cool! Danke für den Tipp.
Besonders beim ersten Teil hatten ich sehr viel Spaß, erinnere mich aber nur noch so dunkel an alles. Dabei gab es dazu doch sogar eine Verfilmung, oder? Hast du die zufällig gesehen?
FunFact: Teil 1 hat gerade 38 Vormerker in unserer Stadtbibliothek, Teil 2 „nur“ 28 und wird schon im Sommer 27 verfügbar sein. Widdersehen ist vielleicht noch ein bisschen zu frisch für die Bib, die brauchen da meist länger als drei Monate, aber bei der Gelegenheit habe ich festgestellt, dass Leonie Swann auch noch „Gray“ geschrieben hat. Und darin spielt ein Graupapagei die zweite Hauptrolle. Das wäre ja notfalls eine gute Überbrückungsliteratur, bis Teil 3 eintrudelt. Ich behalte das im Auge.
Herzliche Grüße und dir ebenfalls einen tollen Sommer.
Silke
Ja, Gray 🦜 – muss ich leider zugeben – habe ich noch nicht gelesen. Wobei es auch im Regal steht. Neben Garou.
Aber Widder sehen stand in Bad Nauheim physisch im Regal und ich habe es mir gleich geschappt. Wenn die Vormerkerliste so lange ist, sollte ich es vielleicht direkt jetzt zurück geben. Hm. 🤔
Und tut mir leid, Glenkill habe ich gelesen laut meiner Liste am 16.11.2005. Tja, die Zeit halt. Das ist ja auch alles nur von außen, liebe Silke. 👵 Innerlich werden wir sowieso nicht älter. Mein Arzt wollte mir gestern auch nicht glauben, dass ich tatsächlich schon ‚so alt’ bin. Ich hätte mich gut gehalten. 😁
Aber den Film habe ich noch nicht gesehen, da bin ich sehr gespannt drauf. Seit das Angebot am Film-Plattformen und die Qualität des Heimkinos so groß ist, hat mein Verlangen, alles sofort im Kino zu sehen, etwas abgenommen. Zuletzt waren die sozialen Nachteile wie Popcorn-Werfer, Übersetzer, Telefonierer oder Schwätzer oder einfach eher abschreckend.
Ich wünsch dir viel Erfolg bei der Wahl bereichernder Sommer-Literatur 👒📚 und sende herzliche Grüße ❤️🍀
Liebe Silke, mein Sommerbuchtipp:
Das Sommerbuch von Tove Jansson
Zwar nicht gerade Vögel im Fokus aber die Natur an einem Fjord an dem das Sommerhäusschen einer kleinen Familie steht. Im Mittelpunkt steht eine witzige und sehr süße Beziehung zwischen einer Oma und ihrer Enkelin. Auch als Hörbuch sehr empfehlenswert 😉
Liebe Carmen, das klingt in der Tat super. Danke für diese (nordische) Empfehlung.
Ich habe fast alle Deine Buchtipps gekauft, und kein einziges Buch habe ich bereut, offensichtlich können auch Frauen tolle Bücher über Vögel schreiben bzw. vielleicht können sie besonders sensationelle Bücher über Vögel verfassen!
Meine Buchempfehlung, die ich gerne teilen möchte:
Luisa Neubauer: Was wäre, wenn wir mutig sind.
Oh, das freut mich sehr, Eva, dass du dich von mir inspirieren lässt. Das Luisa-Neubauer-Buch hatte ich tatsächlich schon einmal hier, musste es aber wieder zurückgeben, bevor ich auch nur reingeschaut hatte. Das ist ein guter Anstupser, es noch einmal in Angriff zu nehmen. Herzlichen Dank dafür!
A Book of Birds: A Field Guide to Wonder and Loss. Jackie Morris & Robert MacFarlane.
Danke für den Tipp.
Liebe Silke,
Du hast nach Buchtipps gefragt.
Ich habe vor einigen Monaten ein Buch gelesen über Mildred Scheel. Ich habe sie als Jugendliche im Fernsehen erlebt und bewundert. Sie war mir sehr sympathisch. Auch meine Eltern standen ihr sehr positiv gegenüber. Aber was sie wirklich geleistet hat, ist mir erst durch dieses Buch bewusst geworden. Schirmherrin der Deutschen Krebshilfe wusste ich. Dass die ganze Idee dazu von ihr kam, aus persönlichem Erleben heraus, war mir nicht geläufig…
Es ist ein Roman, keine Autobiographie. Nicht alles hat 1:1 so stattgefunden. Aber die Eckdaten stimmen.
Das Buch ist im Piper-Verlag in der Reihe „Bedeutende Frauen, die die Welt verändern“ erschienen. Autorin: Yvonne Winkler. Titel: Kämpferin gegen den Krebs.
LG Sabine
Liebe Sabine,
das klingt wirklich interessant. Mir kommt das mit Frau Scheel als Gründerin von irgendwas gerade vage bekannt vor, aber aktiv gewusst hätte ich es auch nicht mehr. Und ich habe bisher weder von dem Buch noch von der Reihe gehört. Die Stadtbibliothek hat es sogar im Bestand, es ist allerdings bis September vorgemerkt (zurecht, offenbar 😉 ). Danke, dass du mir davon erzählt hast!
Hallo Silke,
das klingt nach einem sehr feinfühligem Buch. Das werde ich im Hinterkopf behalten. Momentan habe ich allerdings noch einen bzw. mehrere Stapel Kräuterbücher und noch ein paar englischsprachige mit Geschichten der amerikanischen Natives. Da mein Englisch nicht ganz so geschmeidig ist, kann das dauern, da ich echt oft Wörter nachschlagen muss.
Mein absoluter Buchtipp ist ebenfalls von einer indigenen Amerikanerin. Meiner Meinung nach, sollte dieses Buch Pflichtlektüre in den Schulen sein. Die Autorin heißt Robin Wall Kimmerer und der Buchtitel: geflochtenes Süssgras.
Sie verknüpft auf wunderbare Weise ihre naturwissenschaftliche Proffesur (Biologin) mit ihren indigenen Wurzeln. Es ist ein Stück weit autobiographisch, da sie die Leser*innen mit in ihr Leben nimmt. Durch dieses Buch habe ich meinen Blick auf Naturschutz, Dankbarkeit, Verantwortung und Verbindung nochmal ganz neu justiert. Selten hat mich ein Buch so tief berührt.
Erzähle mir gerne, falls du es lesen solltest.
Herzliche Grüße
Angelika
Hallo Angelika,
vielen Dank für deine Nachricht – und deinen guten Buchtipp. Ich habe das Buch tatsächlich von ein paar Jahren schon einmal angefangen zu lesen und es später auch noch mal als Hörbuch versucht. Ich bin beide Male gar nicht reingekommen und habe es zweimal abgebrochen, sogar als Hörbuch. Inzwischen habe ich einen Verdacht, woran es liegen könnte und wäre bereit, ihm irgendwann doch noch mal eine dritte Chance zu geben. Als Schullektüre ist es aber auf jeden Fall tausendmal besser als „Der Fremde“, „Pole Popenspäler“ oder Kleist.
Total super finde ich, dass du dich durch englischsprachige Bücher hangelst, auch wenn es holperig ist. Weiterhin viel Geduld dafür!
Herzliche Grüße
Silke
Hallo Silke, das klingt nach einem Buch, das einen mitnimmt, und das ist ja eigentlich sehr schön. Ich kann mir vorstellen, es auch mal zu lesen und mit meiner Freundin zu teilen, es würde ihr bestimmt gefallen.
Meine Sommerlektüre ist nicht so emotional. Ich habe vor kurzem die Gardasee-Krimis von Friedrich Kalpenstein entdeckt. Mit meinen Katzen (ja, echt) lese ich nun „Salute – Das letzte Foto“ und finde es eine tolle Mischung aus Spannung und Urlaubsgefühl. Ein alter Herr, der ein verstaubtes Fotogeschäft führt, wird vom Rocca di Garda gestoßen. Geht es um Immobiliengeschäfte oder doch etwas ganz anderes? Ich habe mir schon einen weiteren Band gekauft und freue mich auf den nächsten Fall.
Vermutlich deshalb ist mir in einer Zeitschrift das Buch „Hotel Celentano“ von Eric Pfeil ins Auge gefallen. Darin reist der Autor durch Italien, immer auf der Suche nach Orten aus Film und Musik, um die Frage zu beantworten: „Und wie ist es da heute so?“ Perfekte unter-dem-Sonnenschirm-Lektüre.
Liebe Grüße
Hey Stefani,
das sind ja gleich zwei super Vorschläge für ein bisschen Italien-Feeling, selbst wenn man es in diesem Sommer nicht dorthin schaffen sollte. Vielen Dank dafür!
Dass du Salute mit deinen Katzen liest, finde ich völlig logisch. Ich stelle mir vor, dass du ihnen vorliest und ihr gemeinsam rätselt, wer denn der Mörder gewesen sein könnte. Und wenn du euch schon den nächsten Band gesichert hast, scheint das wirklich sehr unterhaltsam zu sein.
Ich wünsche dir einen tollen Sommer mit möglichst vielen Lesestunden unter dem Sonnenschirm.
Viele Grüße zurück
Silke