#12von12 im September 2026: Mein unfreiwilliger Wandertag in Kanada

Eigentlich hätte es nur ein netter kleiner Ausflug in einen Nationalpark werden sollen. Aus irgendwelchen obskuren Gründen bin ich dann aber auf einem ziemlich abenteuerlichen Wanderweg gelandet, stundenlang in die Höhe gestiegen, nur um mit meinem Jetlag die Aussicht auf die Truthahngeier zu genießen. Aber der Reihe nach:

Am 12. September 2026 war ich in Québec, Kanada. Und das ist doch mal eine prima Gelegenheit, um dir ein paar Eindrücke von dort zu zeigen, denn in guter alter Bloggertradition habe ich diesen Tag mit 12 Fotos dokumentiert (12 Fotos vom 12. eines Monats = #12von12, eine Blog-Aktion, die es seit ungefähr 2008 gibt).

Der Tag fing ganz harmlos mit einem guten Frühstück im Hotel, mit dem Vogel-glücklichen Namen an.

Croissants und Getränke stiftet das Hotel allmorgendlich, den Rest steuern wir bei. Die Auswahl an tierfreien Produkten im Supermarkt ist überschaubar, aber okay – und die Joghurt-Marke heißt Silk 🥰

Dann fuhr ich in die Berge zum Grands-Jardins-Nationalpark – und wunderte mich sehr, dass die zahlreichen Parkplätze schon fast alle vergeben waren. Im Infocenter erfuhr ich, dass es nationaler (oder nur québequoirer?) Tag der Nationalparks war und es deshalb freien Eintritt in alle Nationalparks gab.

Und ich erfuhr, dass alle herkommen, um diesen einen berühmten Weg zu gehen. Dauert auch nicht lange und ist ganz gemütlich, nur so zwei, drei, höchstens vier Stunden und schon ist man wieder zurück. Und die Aussicht ist fantastique, sagte der Mann im Infocenter.

Das klang doch machbar, und so, als sollte ich das auf keinen Fall verpassen, fand ich.

Im Nachhinein denke ich, der Typ hat sich von meinem sportlichen Outfit täuschen lassen oder hat einfach von sich auf andere geschlossen. Und außerdem kennt er mich halt einfach nicht. Bei einer Wanderung bleibe ich ständig stehen, lausche auf die Vögel, halte Ausschau, kniee auf der Erde, gucke in die Gegend.

Das Schild, das 0,5-Kilometer-Fortschritt versprach, kam gefühlt relativ spät und da hätte ich es eigentlich schon ahnen können: Ich bin an Tag 3 meiner Kanadareise noch nicht in Hochform.

Spätestens hier hätte ich wissen können, dass dieser Ausflug mehr als nur ein netter kleiner Spaziergang wird.

Der Weg stieg stetig und stellenweise steil den Berg hinauf. Die vielen Vögel in den Bäumen ringsum gaben mir immer wieder gute Ausreden, um stehenzubleiben und zu lauschen. Dabei entdeckte ich auch zum ersten Mal eine Art, die ich schon im Vogelbuch erspäht und von der ich heimlich geträumt, auf die ich aber kaum zu hoffen gewagt hatte: einen Junco – oder wie sein offizieller deutscher Name inzwischen ist: eine Winterammer.

Eine männliche Winterammer, nach seinem englischen und lateinischen Namen von mir meist Junco genannt.

Juncos sind gar nicht mal so selten, im Gegenteil. Nach dieser ersten Begegnung sollten wir uns noch öfter über den Weg laufen.

Neben den Vögeln half mir eine Pause am Georges-See und eine weitere mit Bohnensalat dabei, wohlbehalten den Berg hinauf zu kommen.

Ungefähr zwei Drittel den Berg hinauf liegt der schöne Georges-See, an dem erschöpfte Wandersleut unauffällig ein bisschen verschnaufen können.

Wieder auf dem Weg kurz vor der Baumgrenze kam mir ein Jugendlicher entgegen. Er sagte im Vorbeigehen zu mir "C'est vraiment beau là-haut". Und das, meine Damen und Herren, ist vielleicht der nettestes Satz, den man jemandem, der noch einen ganz schön steilen Weg vor sich hat, sagen kann.

"Es ist wirklich schön dort oben!"

Halte durch, es lohnt sich!

Und wie recht er hatte!

Oberhalb der Baumgrenze weitete sich der Blick und spätestens hier merkte ich, dass nicht nur der Weg das Ziel war, sondern der Ausblick vom Gipfel wirklich super sein würde.

So schaffte ich es dann auch, am Gipfel anzukommen. Und spätestens jetzt wusste ich: Der Typ im Infocenter hat sich zwar heftig in der Zeit verschätzt, die ich brauchen würde (von wegen: 2, 3 Stunden hin und zurück, hah!), aber dass die Aussicht fantastique sein würde, wusste er genau.

Der Ausblick vom Gipfel. Jeder Schritt hat sich gelohnt!

Ich blieb lange auf dem Gipfel, versuchte vom Nationalpark-Ranger auf französisch zu erfahren, welche Vogelart ich unterwegs gesehen und nicht hatte bestimmen können, freute mich über die Truthahngeier, die erst unter mir kreisten und später immer weiter hinauf kamen, und über die Juncos, die nicht nur im Wald, sondern auch hier oben am Gipfel um mich herum hüpften.

An den Hängen der Berge kreisten Truthahngeier. Je windiger es am Gipfel wurde, desto höher stiegen sie hinauf.

Als sich der Gipfel immer mehr leerte, machte ich mich auch langsam wieder auf den Weg hinab ins Tal.

Ein Blick zurück: das Finale zum Gipfel.

Der Nationalpark Grands Jardins ist das Zuhause der letzten Waldkaribous der Gegend. Die haben wir – wenig überraschend bei all den Menschen auf den Wegen – nicht getroffen. Zur Erleichterung meiner Mutter allerdings auch keine Schwarzbären. Dank der vielen Schilder hätte ich allerdings gewusst, was ich hätte tun müssen. Stattdessen sind mir viele Eichhörnchen begegnet und zu meiner großen Freude auch Chipmunks, aka: Streifenhörnchen.

Lautes Fiepen aus dem Gebüsch und *zack* sitzt ein Streifenhörnchen vor mir.

Der Nationalpark schützt auch eine ziemlich ungewöhnliche subarktische Vegetation. Dass ich unterwegs immer mal wieder an Lappland denken musste, ist also kein Zufall. Sie ist ein Überbleibsel der letzten Eiszeit und beherbergt die feuchtesten Fichten-Flechten-Wälder ganz Nordamerikas.

In einigen Abschnitten sind die Bäume dicht mit Flechten behangen.

Die Stimmen der Waldvögel waren mir beim Abstieg schon ein bisschen vertrauter, als noch beim Aufstieg, und ich wurde bei einem neuen Junco nicht mehr ganz so hektisch. So hatte ich Kapazitäten, um noch mehr tolle Details am Wegesrand zu entdecken.

Es lässt sich nicht leugnen: In den nächsten Tagen werden sich die Blätter an den Bäumen in den typischen Ostküstenfarben färben. Pilze und Beeren sind jetzt schon die sicheren Vorboten des Herbsts.
Wilde Wege sind richtig mies für die fragilen Ökosysteme auf dem Weg zum Gipfel. Mit diesen charmanten Schildern versucht die Nationalparkverwaltung Sépaq, Menschen davon zu überzeugen, nicht mehr querfeldein zu gehen.

Da der Abstieg wesentlich entspannter und schneller war als der Hinweg, war ich deutlich vor Sonnenuntergang wieder am Parkplatz. Das Infocenter hatte zwar längst geschlossen und mein Auto stand schon ziemlich einsam, aber war noch nicht das letzte, hah!

Wenn ich vorher gewusst hätte, auf was ich mich einlasse, hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut. Ich war wirklich nicht in Topform an dem Tag und eigentlich nur auf einen netten kleinen Spaziergang eingestellt. Aber ich bin sehr dankbar, dass der Typ im Infocenter keinen Zweifel hat aufkommen lassen, dass ich das schaffen würde. Denn ich habe es ja wohl sowas von geschafft. Was für ein schöner Wandertag!

Über diese Vogelarten habe ich mich unterwegs bei meiner Wanderung gefreut:

  • Schwarzkopfmeise (die passend zu ihrem englischen Namen so schön chicka-di-di singt)
  • Amerikakrähe
  • Winterammer, aka: Junco
  • Truthahngeier (ehrlich: niemals hätte ich gedacht, dass die hier so häufig wie bei uns Mäusebussarde sind)
  • Blaurückenwaldsänger (jahaaa, genauso blau wie der Name andeutet)
  • Kolkrabe (der mit drei Truthahngeiern fliegt)
  • Goldspecht (leider nur gehört und nicht erspähen können, aber immerhin)
  • Buntfalke
  • Kronenwaldsänger
  • Weißkehlammer
  • Silkegoldhähnchen (hier habe ich erklärt, warum ich manche Arten vorläufig nach mir benenne)

Noch mehr #12von12 auf diesem Blog:

von Silke Hartmann | 30. Sep. 2026 | Tagebuch

bearbeitet am 29. September 2026

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon als Kind interessierte sich Silke Hartmann für Vögel, aber kannte lange niemanden, der diese Begeisterung teilte. Um Gleichgesinnte zu finden, ging sie ins Internet und merkte schnell, dass es vielen Menschen so geht wie ihr früher. Deshalb gibt sie jetzt ihr Vogelwissen und ihre Begeisterung in Onlinekursen, ihrem Podcast "Vögel, aber cool!", ihrem Blog und auf Instagram weiter. Ihr erstes Buch "Die Superkräfte der Vögel" wurde zum "Wissensbuch des Jahres 2024" gewählt. Ihr zweites Buch "Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" richtet sich an Kinder ab 7 Jahre.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein 1. Buch: "Die Superkräfte der Vögel"

"Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" – Mein Vogelbuch für Kinder ab 7

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