Ich habe 350+ Vogelnamen ins Deutsche übersetzt. Das habe ich dabei gelernt

Wenn alles nach Plan läuft, werde ich im Herbst nach Kanada reisen, um endlich mal wieder meine kanadische Gastfamilie und eine amerikanische Freundin wiederzusehen. Natürlich habe ich mir auch schon ein Vogelbuch für die Region besucht: Birds of Eastern Canada. Damit stand ich vor einem Problem: Ich spreche zwar fließend Englisch, die Vogelarten habe ich aber (noch) nicht alle zwei- bis viersprachig drauf (englisch, deutsch, französisch, lateinisch). In meinem akutellen Leben sind mir die deutschen Namen am wichtigsten, also setzte ich mich hin und übersetzte mehr als 350 englische Vogelnamen ins Deutsche.

Dabei sind mir einige Dinge aufgefallen, die ich mit dir teilen will:

Buchhandel schlägt Internet

Das erste, was ich dabei gelernt habe, hat noch gar nichts mit Vögeln zu tun: Früher war es mal so, dass englischsprachige Bücher im Vergleich zum Internet absurd teuer waren, wenn ich sie im lokalen Buchhandel bestellt habe. Da ich aber immer lokal kaufen will, setzte ich mir ein Limit: den doppelten Preis wäre ich bereit zu zahlen.

Und dann: Überraschung! Meine lokale Buchhandlung hat mir das Buch viel, viel schneller und auch günstiger besorgt als der große Gemischtwarenhändler im Internet. Das hatte ich nicht erwartet. Falls du also das nächste Mal ein englisches Fachbuch suchst, frag erst in deiner Buchhandlung um die Ecke. Die Zeiten haben sich geändert.

Fragwürdige Übersetzungen

Im Deutschen haben wir bei vielen Vogelnamen ziemlich viel Glück. Sie sind beschreibend, vergleichweise unkompliziert, manchmal sogar poetisch. Und dann gibt es den Bluebird. Das ist eine Gattung mit drei Arten: dem Mountain Bluebird, dem Western Bluebird und dem Eastern Bluebird. Eine Vogelgattung, die im Englischen klingt, als wäre sie aus einem Kinderlied gefallen: strahlend blau, freundlich, ein bisschen märchenhaft. Blauvogel, Azurdrossel, Himmelsvogel. Nun ja, fast: Auf Deutsch heißt er Hüttensänger. Hüttensänger!?! Warum? Na, immerhin schließt das die Weibchen und Jungvögel sprachlich mit ein. Ich will mal nicht meckern.

Andererseits gibt es da den Townsend’s Solitaire. Auf Englisch eher sperrig und durch diese Benennung nach einem Menschen ein eher uncooler Name. Auf Deutsch heißt er Townsendklarino. Townsend, nun ja, den Typen hätten wir auch loswerden können, aber KLARINO. Was für ein schöner Name! Er klingt nach einem alten, wohlklingenden, volltönigen Instrument, finde ich. Erst habe ich mich ein bisschen gewundert, warum auch im Deutschen das Townsend davorstehen muss. Hätte Klarino nicht gereicht? Und dann sagte mir die Quelle allen Wissens, dass Klarinos eine Unterfamilie der Drosseln sind. Am Townsend arbeiten wir bitte dringend, Klarino geht klar!

Es kommt ja selten vor, dass Vogelarten einen eigenen, nicht beschreibenden Namen haben, so wie Amsel, Gimpel, Kiebitz. Auch im Englischen ist das so. Deshalb habe ich mich sehr über den Namen Veery gefreut. Auf Deutsch heißt der Vogel leider etwas umständlich Weidenmusendrossel. Wei-den-mu-sen-dros-sel. Was soll dieses Musen da drin? Es gibt noch ein paar mehr davon: Goldschnabel-Musendrossel, Bergmusendrossel, Tropfenbrust-Musendrossel … Sie gehören zwar zur Gattung der Musendrosseln, aber ernsthaft: Warum so kompliziert? Hätten wir die „Musen“ nicht einfach in den Artnamen weglassen können? Bei der Einsiedlerdrossel hat’s doch geklappt und die gehört auch zu den Musendrosseln.

Fliegende Kosmopoliten

In Nordamerika kommen ziemlich viele Vogelarten vor, die wir auch in Europa kennen. Das ist nicht sehr erstaunlich, denn schließlich können Vögel fliegen und tun das seit Jahrmillionen auch. Außerdem sind die Klimabedingungen und Lebensräume zwar anders, aber zumindest vergleichbar. Dass Lachmöwen, Fischadler und Kolkraben auf beiden Seiten des Atlantiks vorkommen, hatte ich erwartet. Aber die Ohrenlerche und der Seidenschwanz? Die waren für mich bisher immer skandinavische Arten. Und die Rauchschwalbe?! Die fliegt zwar von uns aus bis ins Südliche Afrika, aber sie kommt auch in Nordamerika vor. Dass ausgerechnet diese Art mich immer wieder überrascht, bedeutet offensichtlich, dass ich noch immer zu wenig über sie weiß. Eine Podcast-Folge muss her!

Namen als Überbleibsel aus einer finsteren Zeit

Als ich angefangen habe, mich über das Angebot an Vogelbüchern für die Region zu informieren, war mein wichtigstes Kriterium: Es soll schon die neuen Vogelnamen haben. Schließlich will ich mir nicht veralteten Krams merken und dann wieder von vorne anfangen. Einige der englischen Vogelnamen haben einen rassistischen Hintergrund und schon vor Jahren gab es eine Initiative, sie zu überarbeiten. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass die damit noch nicht fertig sind! Ist aber so. Die englischen Vogelnamen sind noch immer nicht überarbeitet und ehren noch immer Rassisten, Sklavenhändler und andere fragwürdige Gestalten. Eine Schande, aber wenn man auf die aktuellen politischen Strömungen schaut, wohl doch nicht verwunderlich, dass es nicht weitergeht.

Viele deutsche Namen haben inzwischen ein Upgrade bekommen (hier habe ich schon mal darüber geschrieben), aber beim Durcharbeiten des Buchs habe ich festgestellt, dass im nordamerikanischen Raum noch ein paar unerfreuliche Bezeichnungen übrig sind. Das I-Wort oder auch das E-Wort werden da noch fröhlich als Namensbestandteile geführt. Ich weigere mich, das in mein Buch zu schreiben oder mir diese Namen zu merken. Trotzdem will ich natürlich die Vögel benennen können und auch das Buch vollständig übersetzt haben, damit ich nicht ständig denke: „Huch, was hab ich denn hier vergessen?“.

Um das Dilemma zu lösen, heißen diese Arten jetzt vorläufig einfach Silke-Irgendwas: Silke-Möwe, Silke-Häher, Silke-Meise und so weiter. Ich habe erst nach unverfänglicheren positiven Namensbestandteilen gesucht, wie Sonne-, Pracht- oder Zauber-, aber das war mir bei näherer Betrachtung zu gefährlich. So erinnere ich mich daran, dass der Name nicht offiziell ist und verhindere, dass ich mir langfristig etwas Falsches merke. Ich zähle darauf, dass die deutsche Kommission schneller ist als die nordamerikanische und mir bald vernünftige Namen als Alternativen bietet.

Epilog

Mehr als 350 Vogelnamen korrekt zu übersetzen, jeweils mehrere Quellen zu checken und sich dann für eine Übersetzung zu entscheiden, klingt nach viel G’schäft. War es auch, aber es hat mir großen Spaß gemacht! Es war eine allabentliche Beschäftigung, auf die ich mich für mehrere Wochen gefreut habe.

Lange habe ich mit mir gerungen, aber dann habe ich die Übersetzungen direkt ins Buch geschrieben. Das ist sonst gar nicht meine Art, aber ich habe mir vorgenommen, weiter über meinen Schatten zu springen und mir während der Reise noch weitere Notizen im Buch zu machen. So entsteht dann ein Erinnerungsbuch. Darauf freue ich mich jetzt schon richtig.

aktualisiert:
15. Juni 2026

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon als Kind interessierte sich Silke Hartmann für Vögel, aber kannte lange niemanden, der diese Begeisterung teilte. Um Gleichgesinnte zu finden, ging sie ins Internet und merkte schnell, dass es vielen Menschen so geht wie ihr früher. Deshalb gibt sie jetzt ihr Vogelwissen und ihre Begeisterung in Onlinekursen, ihrem Podcast „Vögel, aber cool!“, ihrem Blog und auf Instagram weiter. Ihr erstes Buch „Die Superkräfte der Vögel“ wurde zum „Wissensbuch des Jahres 2024“ gewählt. Ihr zweites Buch „Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel“ richtet sich an Kinder ab 7 Jahre.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein 1. Buch: „Die Superkräfte der Vögel“

„Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel“ – Mein Vogelbuch für Kinder ab 7

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