Wildvogelhilfe am Limit: Warum Erfahrung kein Gatekeeping ist

Eine Kursteilnehmerin erzähle mir neulich, dass ihre Tochter während der letzten Hitzewelle an einem einzigen Tag erst ein Schwalbenküken auf dem Bürgersteig gefunden habe und wenig später einen jungen Mauersegler.

Beide brachte sie nacheinander ins Tierheim. Dort sagte man ihr, dass allein an diesem Tag 60 Vögel abgegeben worden seien und das Nachbartierheim längst Aufnahmestopp habe.

60 Vögel an einem Tag. In nur einem Tierheim. Und wie Annegret richtig bemerkte: "Die Vögel, die nicht abgegeben wurden, sind gar nicht mitgezählt."

Diese Geschichte zeigt eindrücklich, wie ernst die Lage ist: Die Hitze treibt viele Mauersegler viel zu früh aus den Backöfen, zu denen ihre Brutplätze unter unseren Dächern werden. Dazu kommen unterernährte, verletzte, geschwächte Vögel aller Art, die mit der Hitze nicht klarkommen – zusätzlich zu all den Ästlingen, die irrtümlich eingesammelt werden, den Vögeln, die gegen Scheiben knallen oder von Katzen gejagt werden, Igel, die von Mährrobotern angeschreddert werden oder all die Wildtiere, die sich sonstwie verletzen.

Was die Hitzeopfer betrifft, ist das das neue Normal: Je heißer die Sommer werden, desto mehr Mensch- und Tiernotfälle wird es geben. Und die ehrenamtlichen Pflegestellen, Tierheime und Auffangstationen sind jetzt bereits weit über die Limits hinaus ausgelastet – genau wie unser menschliches Gesundheitssystem.

Ein Reel, über das ich mich freuen wollte

Ich habe mich daher erst einmal gefreut, als ich gesehen habe, dass Robert Marc Lehmann, ein reichweitenstarker Tierschützer, ein Reel zu dem Thema gepostet hat. Er schilderte die Situation, schlug vor, dass wir alle mehr über Erste Hilfe an Tieren lernen sollten und spielte dann den Ball an die Ehrenamtlichen in den Pflegestellen zurück: Die sollten doch bitte aufhören, ihr Wissen für sich zu behalten, und doch mal ein bisschen mehr Aufklärungsarbeit auf Social Media machen. 999 Leute, die es versuchen und dazulernen, seien besser als 10 gatekeepende* Vollprofis in der Wildtierrettung.

*gatekeeping = jemanden bewusst oder unbewusst ausschließen, Wissen vorenthalten und/oder ihm/ihr das Recht absprechen, sich zu einem Thema zu äußern

Vorwurf: Gatekeeping

Das hat mich sehr gewundert, denn ich habe einen ganz anderen Eindruck von Menschen, die ehrenamtlich oder hauptberuflich in der Wildtierhilfe arbeiten. Klar, nicht von allen, aber grundsätzlich sehe ich, dass sie ihr Wissen und ihre Arbeit sehr wohl teilen, sowohl im persönlichen Austausch als auch auf Social Media, dass sich viele bemühen, auch online sichtbar zu werden. Dabei haben sie nicht die Erfahrung und die zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen, die andere Kanäle auf Social Media haben, aber sie machen es eben doch so gut sie können und im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Dass sie ihr Wissen "gatekeepen", also bewusst für sich behalten, habe ich noch nicht erlebt.

Was ich aber sehr wohl erlebt habe, sind Menschen, die am Anschlag arbeiten, die deswegen keine Zeit haben, ans Telefon zu gehen, und die im persönlichen Gespräch etwas zackig sein können. Aber ernsthaft: das ist doch menschlich.

Wie man in der Hochsaison neben all dieser Arbeit, bei der es um Leben und Tod geht, und dem permanenten Personal- und Geldmangel noch ein paar schmissige Insta-Reels und highend YouTube-Tutorials drehen soll, ist mir persönlich schleierhaft.

"Bedenkenträgerei" aus echter Erfahrung

Es gibt sie, die Wildtierpflegenden, die auf Social Media aktiv sind. Und genau diese Kanäle zeigen auch immer wieder, was passiert, wenn Laien mit viel Herz und wenig Erfahrung selbst loslegen und mal auf gut Glück ein paar Mehlwürmer oder ein bisschen Hackfleisch in einen Mauersegler stopfen.

Klingt easy, führt aber dazu, dass die Mauersegler komplett fehlernährt sind, sich nicht richtig entwickeln, kein kräftiges Gefieder ausbilden, fehlgeprägt sind, nicht ausgewildert werden können und am Ende doch noch in einer Auffangstation landen. Und die hat dann bis zum nächsten Frühling Arbeit damit. Oder der Vögel überlebt es gar nicht erst.

Genau diese Diskussion hatte ich übrigens vor wenigen Wochen sogar in einer Ornitholog*innen-Chatgruppe: ein gestandener Orni empfahl jemanden, der einen Mauersegler gefunden hatte und nach Pflegestellen in der Regioin fragte, ihn doch einfach selbst mit ein bisschen Hackfleisch aufzuziehen. Das habe man schließlich früher auch schon so gemacht, der Finder solle sich mal nicht so anstellen. Der hat sich zum Glück nicht beirren lassen von so viel geballter Lebenserfahrung und den Mauersegler in erfahrene Hände abgegeben.

Nicht "Hurra, legt los!" zu schreien, wenn Menschen auf eigenen Faust mal ein bisschen rumprobieren und Tieren helfen wollen (weil kann ja nicht so schwer sein), ist also kein Gatekeeping. Das ist Erfahrung.

Die Ressourcen sind da und wir dürfen Menschen was zutrauen

Ich finde es super schade, dass Robert Marc Lehmann mit seiner großen Reichweite keinen einzigen Account empfohlen hat, der sich bemüht und den man easy unterstützen könnte. Und wie schade, dass ein so großer Account es versäumt hat, wenigstens ein paar davon sichtbar zu machen. Aber klar: Er hat eine eigene Agenda und macht nicht random Werbung für irgendwen. Wo fängt man an, wo hört man auf? Das kann ich sogar fast verstehen.

In einem zweiten Video bekräftigte er jedoch seinen Vorwurf, oder sagen wir: seine Anspruchshaltung noch einmal und ging darauf ein, worauf mehrere andere Account unter seinem ersten Reel hingewiesen hatten: dass es diese Infos zum Päppeln von Tieren sehr wohl bereits im Internet gibt. Das die in irgendwelchen Telegram- oder Facebook-Gruppen versteckt seien, reiche nicht. Menschen müssen diese Info in Videos aufbereitet und leicht konsumierbar vorliegen haben.

Und das fand ich dann doch ein Armutszeugnis.

Mit ein mini bisschen Recherche findet man die Infos für die erste Hilfe im Netz und kann sich aus seriösen, verlässlichen Quellen selbst weiterbilden. Meine erste Anlaufstelle: die umfangreichen Seiten der wildvogelhilfe.org. Seit Neuestem gibt es auch die SOS Wildtier App, die noch weiter ergänzt werden wird. Selbst die Wildtierhilfestation Rastede, die ich vor ein paar Wochen besucht habe, hat Infos zur Ersten Hilfe auf ihrer Webseite.

Darüber hinaus finden immer wieder bundesweit Kurse statt, in denen Pflegestellen oder auch tiermedizinische Fachpersonen ihr Wissen weitergeben. Eine Anlaufstellen sind zum Beispiel Tiermedizin Schwarmwissen aus Hamburg oder die Wildtierärztin in Jülich (die auch Onlinekurse anbietet).

Ganz zu schweigen von all den ehrenamtlichen lokalen Pflegestellen von Stadttauben, Igeln, Fledermäusen …, die im Netz aktiv sind und Einblicke in ihre Arbeit geben.

Auch im Jahr 2026 traue ich Menschen, die Tieren wirklich helfen und für sie langfristig Verantwortung übernehmen wollen, noch zu, dass sie diese Informationen selbst im Netz finden (oder fragen noch immer Menschen auch für Themen, die über Leben und Tod entscheiden, die KI?!?).

Ehrlich: Die Menschen in meiner Community sind zum Glück noch in der Lage dazu. Im letzten Live vom Vogelstimmen-Kurs haben wir auch genau darüber geredet und festgestellt, dass eine Kursteilnehmerin darüber nachdenkt, sich ab Herbst in der Wildvogelhilfe zu engagieren und ein anderer bereits aktiv ist. Ich schätze diesen Austausch in den Live-Calls immer sehr, denn so lernen alle voneinander.

Das Schlimmste: die Diskussion unter dem Reel

Was ich neben all der Kritik an dem Reel und an der Haltung dahinter aber am verstörendsten fand: Unter dem Reel gab es statt einer Diskussion gleich einen unversöhnlichen Lagerkampf. Ehrenamtliche aus der Wildtierhilfe, die ihre Sicht der Dinge darstellten, wurden unnötig scharf angegangen. Ihnen wurde sofort unterstellt, sie würden sich wohl für was Besseres halten und ihr Wissen für sich behalten. Und überhaupt hatten sie den Tierschützer ja sowieso ganz falsch verstanden.

Ich fand das total erschreckend. Können wir wirklich nicht mehr konstruktiv miteinander reden? Muss es immer Fronten und schwarz-weiß geben? Wir stehen doch alle auf derselben Seite und wollen den Tieren helfen.

Was ist also die Lösung?

Ach, wie schön wäre es, wenn ich eine einfache Lösung hätte. Aber einfache Lösungen auf komplexe Problem haben nur die Populisten. Ich schlage daher Folgendes vor:

  • Es fängt damit an, dass wir den Unterschied zwischen Ästlingen und Nestlingen verstehen, erkennen und keine Ästlinge einsammeln, die unsere Hilfe nicht brauchen. Hier noch einmal der Blogpost dazu.
  • Wir unterstützen unsere lokale Pflegestellen mit Spenden oder mit Mitgliedschaften.
  • Wir erzählen im eigenen Umfeld schon jetzt, wie man hilfbedürftige Tiere erkennt und wo es im Ernstfall verlässliche Hilfe gibt, bevor der Ernstfall eintritt.
  • Wir erzählen weiter, dass Mähroboter nicht ohne Aufsicht fahren sollten, dass Heckenschnitt im Frühling und Sommer eine echt miese Idee ist, warum Hunde dann nicht freilaufen sollten und wie Katzen auch im Haus glücklich werden. Hier habe ich dazu drei einfache Tricks, um Vogelleben zu retten.
  • Wir haben realistische Erwartungen an Menschen in Pflegestellen und sind nett und nachsichtig mit ihnen. Wir sichern und bringen verletzten Tiere, ohne zu erwarten, dass sie abgeholt werden. Wenn möglich, lassen wir eine Spende da.
  • Wir verschieben nicht die Schuld für unser Nicht-Wissen, sondern übernehmen selbst Verantwortung. Wir informieren uns in seriösen Quellen, bevor wir anfangen auf gut Glück irgendwas mit einem fühlenden, denkenden Lebewesen auszuprobieren und zum Hackfleisch-Löffel greifen, weil Onkel Heini das damals auch schon gemacht hat. Alle Infos sind da, in diesem Internet, nicht in den Chatbots.
  • Wir verzeihen uns, dass wir nicht alles wissen, aber erlauben uns zu lernen und zu wachsen.
  • Wir unterstützen die Sichtbarkeit der kleinen lokalen Accounts unserer Umgebung und verteilen Liebe, auch im Internet.
  • Wenn wir es richtig ernst meinen, engagieren wir uns ehrenamtlich und unterstützen die Pflegestellen bei ihrer wichtigen Arbeit.

Was meinst du dazu? Fällt dir noch etwas ein? Und wenn du noch Ehrenamtliche oder Pflegestellen kennst, von denen wir sowohl online oder offline etwas lernen können, schreib sie bitte in die Kommentare!

bearbeitet am 10. Juli 2026

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon als Kind interessierte sich Silke Hartmann für Vögel, aber kannte lange niemanden, der diese Begeisterung teilte. Um Gleichgesinnte zu finden, ging sie ins Internet und merkte schnell, dass es vielen Menschen so geht wie ihr früher. Deshalb gibt sie jetzt ihr Vogelwissen und ihre Begeisterung in Onlinekursen, ihrem Podcast "Vögel, aber cool!", ihrem Blog und auf Instagram weiter. Ihr erstes Buch "Die Superkräfte der Vögel" wurde zum "Wissensbuch des Jahres 2024" gewählt. Ihr zweites Buch "Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" richtet sich an Kinder ab 7 Jahre.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein 1. Buch: "Die Superkräfte der Vögel"

"Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" – Mein Vogelbuch für Kinder ab 7

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4 Kommentare

  1. Eine gute Seite für den Anfang ist meiner Meinung nach https://wildvogelhilfe.org Hat mir vor einiger Zeit sehr geholfen, die 24 Stunden bis zur Übergabe an eine Auffangstation zu überbrücken, als ich ein winziges Amselbaby gefunden hatte. Hilfreich war auch der Hinweis, dass der Vogel KEIN Wasser bekommen darf und bei ca. 38 Grad warmgehalten werden sollte. Da gibt es im Internet auch Anleitungen mit Wärmflasche im Karton/ Kiste.

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    • Die Wildvogelhilfe ist auch meine erste Anlaufstelle (deshalb hab ich sie auch oben empfohlen 😉 ). Toll, dass du mit ihrer Hilfe das Amselmini durchbekommen hast!

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  2. Ich habe kleine Zettelchen gedruckt, die ich an Baufirmen verteile, die an Abbrucharbeiten beteiligt sind. Damit gleich bekannt ist, wo man Taubenküken abgeben kann (Stadttaubenhilfe etc.). Die sind meistens sehr froh, denn sie stehen alleine da.

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    • Was ist das denn bitte für eine mega gute Idee? Super, Kirsten!

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