Helena Wehner ist Waldrapp-Mama

Helena Wehner hat einen ganz besonderen Job: Sie ist Waldrappziehmutter. Als Teil des Waldrappteams arbeitet sie an der Wiederansiedlung des Waldrapps in Europa. Das ist ein ziemlich aufregendes Projekt. Dafür ziehen Helena Wehner und eine Kollegin Waldrappküken auf und fliegen dann mit ihnen nach Südeuropa, wo sie in die Freiheit entlassen werden. Aber der Reihe nach!

Helena Wehner war in meinem Podcast »Vögel, aber cool!« zu Gast und hat von ihrer spannenden Arbeit berichtet:

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Weitere Informationen

Was ist der Waldrapp?

Der Waldrapp wurde schon vor über 350 Jahren in Europa ausgerottet. Lange galt er als Legende und lebte nur in Geschichten und Mythen, aber es gibt ihn tatsächlich!

Wenn Menschen den Waldrapp zum ersten Mal sehen, rutscht ihnen häufig ein „Ist der hässlich!“ raus. Und ja, der Waldrapp ist ein sehr spezieller Vogel: Seine hohe, kahle Stirn geht über in eine Punkerfrisur mit sehr langen Federn und aus seinem faltigen Gesicht wächst ein langer, gebogener Schnabel. Sein Gefieder scheint pechschwarz und wenn man genau hinhört, gibt er seltsame Laute von sich.

Auf den zweiten Blick ist sein Gefieder nicht nur schwarz: Es schillert grün-lila-bunt in der Sonne. Spätestens, wenn man einem Waldrapp in die Augen schaut, sieht man, dass er ein ganz besonderer Vogel ist (und wenn man nicht aufpasst, verliert man dabei wohl ziemlich schnell sein Herz an den kleinen Punker). Außerdem findet Helena Wehner, dass er immer so wirkt, als ob er lächelt.

Der Waldrapp ist ein echter Charaktervogel (Foto: Helena Wehner, Waldrappteam Conservation & Research)

Waldrappe gehören zu den Ibisvögeln. Mit ihrem gebogenen Schnabel können sie besonders gut Kriechtiere, Maden und Schnecken finden. Außerdem sind sie sehr soziale Vögel und leben in Kolonien. Jeder Vogel hat einen eigenen, ganz speziellen Charakter. Es gibt z.B. quirlige kleine Clowns, die alle anderen aufmischen und besonders anhänglich sind, und auch ruhigere Typen, die sich etwas abseits halten.

Die Waldrappe bei uns sind Zugvögel und auch nach vielen Generationen in Gefangenschaft tragen sie das Zug-Gen noch in sich. Das ist auch praktisch so, denn sonst würden sie im Winter durch die gefrorenen Böden bei uns nicht mehr genug Nahrung finden. Für die Wiederansiedlung ist das aber eine echte Herausforderung, denn anders als z.B. Kuckucke und Weißstörche werden Waldrappe werden nicht mit dem Wissen um ihre Zugrichtung geboren. Sie müssen die Zugrichtung erlernen, in die sie fliegen müssen. Und da kommen Helena Wehner und ihre Teamkolleg*innen ins Spiel.

Zwei erwachsene Waldrappe (Foto: Helena Wehner, Waldrappteam Conservation & Research)

Das Waldrapp-Wiederansiedlungsprojekt

Schon seit 20 Jahren bemühen sich die Mitglieder des Waldrappteams um die Wiederansiedlung des Waldrappen an verschiedenen Orten in Europa. Durch die Nähe zu den Tieren können ganz nebenbei wertvolle wissenschaftliche Daten über das Flugverhalten von Vögeln erhoben werden.

Die Aufzucht

Anfang April schlüpfen die Küken in einer Zoopopulation. Bevor ihre Prägephase abgeschlossen ist, werden sie nach etwa drei bis acht Tagen den Ziehmüttern übergeben. Dann wohnen sie erst einmal alle zusammen in einem Container in einem Zoo und verbringen dort die nächsten Wochen, bis die Vögel flügge werden. Die Zieheltern kümmern sich intensiv um die Minis, die dadurch eine starke Bindung zu ihnen aufbauen.

Helena Wehner und ein zweites Ziehelternteil ziehen im Jahr etwa 30 Vögel auf. Jeder der Waldrappe bekommt einen eigenen Namen und wird beringt. So können die Minis auch von Außenstehenden unterschieden werden. Das ist auch hilfreich, um sie von Indidviduen der Wildpopulation unterscheiden zu können, falls später mal ein Vogel alleine losfliegen sollte.

Waldrappküken in ihrem Nest im Aufzuchtcontainer (Foto: Waldrappteam Conservation & Research)

Das Flugtraining

Vom Aufzuchtcontainer geht es ins Traningscamp. Das Camp muss an dem Standort sein, wo die Jungvögel angesiedelt werden sollen und dann später auch selbst brüten werden, wenn sie erwachsen geworden sind. Zurzeit gibt es Brutgebiete in Kuchel in der Nähe von Salzburg, in Überlingen am Bodensee, im bayrischen Burghausen und in Rosegg in Kärnten.

Das Training der Vögel beginnt etwa Ende Mai/Anfang Juni. Als erstes müssen sie sich an ein Ultraleicht-Fluggerät gewöhnen und es in Verbindung mit ihren Zieheltern bringen. Dann müssen sie checken, dass die Zieheltern in den Fluggeräten sitzen und sie hinterher fliegen sollen. Das kann bis zu drei Wochen dauern. Mit zwei dieser Fluggeräte zeigen die Zieheltern und zwei Piloten den jungen Waldrappen dann den Weg ins Wintergebiet.

Die menschgeführte Migration

Anfang August beginnt die menschgeführte Migration: Die Vögel und die Menschen in den Fluggeräten fliegen mit vielen Zwischenstopps in mehreren Wochen gemeinsam ins Wintergebiet. Ganz nebenbei lernen die Waldrappe so den Weg von ihren menschlichen Zieheltern.

Die bisherige Route ging gut 1.000 Kilometer von Österreich oder Deutschland aus über die Alpen in die Toskana. In diesem Jahr wird das anders: Die Gruppe wird erstmals die Alpen umfliegen und Südspanien ansteuern. Dort in Andalusien treffen die jungen Waldrappe auf die spanische Population, die bisher nicht zieht. Diese neue Route ist mehr als doppelt so lang wie die bisherige. Das Team erhofft sich, dass die Vögel so langfristig mit den sich verändernden Klimabedingungen besser klar kommen.

Die Ankunft im Wintergebiet ist immer ein Moment der Freude und der Erleichterung. Die Menschen feiern erstmal eine große Party, um diesen Erfolg zu feiern. Und dann heißt es langsam Abschied nehmen. Dafür muss die Bindung zwischen Zieheltern und Waldrappen gelöst werden.

Die Auswilderung dauert etwa zwei Monate. Dabei werden die Jungvögel in eine Gruppe von Wildvögeln, die schon vor Ort sind, integriert. Die sind natürlich sehr neugierig auf die Neuankömmlinge, was die Integration erleichtert. Und auch für die handaufgezogenen Waldrappe ist die erste Begegnung mit erwachsenen Tieren der eigenen Art aufregend.

Frei wie ein Waldrapp 😉 (Foto: Helena Wehner, Waldrappteam Conservation & Research)

Mission erfüllt

Nach dem Winter fliegen die geschlechtsreifen Vögel wieder selbstständig zurück in ihre Aufzuchtsgebiete. Die Jungvögel hingegen bleiben erstmal im Überwinterungsgebiet bzw. südlich der Alpen, bis sie nach zwei bis drei Jahren geschlechtsreif werden. Erst dann fliegen sie das erste Mal zurück in die Gegend nördlich der Alpen, in der sie aufgezogen wurden. Dort brüten sie dann und ziehen ihre eigenen Jungen groß. Am Ende des Sommerst fliegen sie mit ihren Jungen ohne menschliche Begleitung in das Überwinterungsgebiet.

Waldrapp vor Sonnenuntergang (Foto: Helena Wehner, Waldrappteam Conservation & Research)

Wie wird man Waldrapp-Ziehmutter?

Helena Wehners „Karriere“ als Ziehmutter startete ganz unspektakuär: mit einer Hausarbeit in ihrem Geografiestudium. Zur Auswahl standen u.a. die Themen Waldrapp und Moor, zwischen denen Helena schwankte. Sie entschied sich für die Waldrappe und diese Entscheidung hat ihr Leben geprägt.

Nach ihrer Hausarbeit machte sie 2017 ein erstes Praktikum beim Waldrappteam und begleitete die menschgeführte Migration am Boden. 2018 war sie wieder dabei und schrieb ihre Bachelorarbeit über den Thermikflug der Waldrappe, den sie auch bei ihrer Alpenüberquerung nutzen. Im Jahr danach wurde sie selbst das erste Mal Ziehmama; In 2023 ist sie es bereits zum vierten Mal.

Helena Wehner organisiert ihr Leben um das Aufzuchtprogramm herum: Im Winter macht sie ihren Master in Fernerkundung und Erdbeobachtung und im Sommer zieht sie die Waldrapp-Minis auf. Diese Kombination ist zurzeit perfekt für sie, denn sie lebt ihren Traum, Wissenschaft und Artenschutz miteinander zu verbinden. Inzwischen ist sie stolze Ziehmama von über 100 „Vogelkindern“.

Helena Wehner beim Flugtraining mit den jungen Waldrappen (Foto: Waldrappteam Conservation & Research)

Ganz besondere Waldrappmomente

Das klingt alles schon sehr spannend für uns Außendstehende und das ist es auch für Helena Wehner. Trotzdem gibt es natürlich auch in so einem spannenden Job noch einmal besondere Momente.

Wenn sie die neuen Waldrappe kennenlernt ist das so ein besonderer Moment. Sich von ihnen zu verabschieden und sie in ihr Leben, in die Wildnis, in die Freiheit zu entlassen auch. Und dann gibt es manchmal auch ein Wiedersehen:

Als Helena Wehner 2022 die Toskana erreichte, begegnete sie dort Waldrappen, die sie ein Jahr vorher aufgezogen und ausgewildert hatte. Die erkannten sie wieder und begrüßten sie freudig mit der sehr speziellen tiefen Stimme eines erwachsenen Vogels. Für Helena Wehner war es so, als ob sie plötzlich liebgewonnene Freunde nach einer langen Zeit wiedergetroffen hätte.

2022 war auch in anderer Hinsicht ein besonderes Jahr für sie: Die Vögel ihrer ersten Handaufzucht von 2019 haben zum ersten Mal gebrütet und ihre eigenen Jungen aufgezogen. So ist Helena inzwischen auch schon Waldrapp-Ziehoma.

Waldrappe auf dem Weg ins Wintergebiet (Foto: Helena Wehner, Waldrappteam Conservation & Research)

Waldrappe unterstützen und begleiten

Das Waldrappteam vergibt Patenschaften für Wildvögel, aber auch für die Waldrappe aus den Handaufzuchten. Wer eine solche Patenschaft übernimmt, kann sich über Fotos aus der Entwicklung des Vogels freuen.

Wenn du dich für eine Patenschaft interessierst, schreib direkt eine E-Mail an patenschaft@waldrapp.eu oder schau auf der Webseite des Waldrappteams vorbei.

Die App Animal Tracker ermöglich es, die GPS-Koordinaten von besenderten Waldrappen zu verfolgen. Man kann sie so durch ihr Jahr begleiten und sehen, wo sie sich gerade aufhalten, ob sie noch im Wintergebiet sind oder sich schon auf die Heimreise ins Brutgebiet gemacht haben.

Das Waldrappteam hält auch auf Instagram und Facebook über seine Arbeit auf dem Laufenden.

Auf der menschgeführten Migration (Foto: Helena Wehner, Waldrappteam Conservation & Research)

Vielen Dank Helena, dass du dir die Zeit genommen hast, um uns von deiner spannenden Arbeit zu erzählen. Und danke an dich und das ganze Waldrappteam für die Unterstützung und die coolen Fotos.

aktualisiert:
14. Jun 2023

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon in ihrer Kindheit interessierte sich Silke Hartmann für Vögel. Allerdings kannte sie niemanden, die oder der ihr diese Wunderwelt hätte zeigen können. So hat sie sich im Laufe der Zeit selbst beigebracht, Vögel zu sehen. Je mehr sie beobachtete und aus Büchern lernte, desto mehr begeisterte sie sich für Vögel und ihre Superkräfte. Sie bemerkte aber auch, wie schwer es für viele Vogelarten inzwischen ist, zu überleben. Deshalb gibt sie ihr Wissen jetzt als „die Vogelguckerin“ u.a. in Kursen, Büchern und ihrem Podcast „Vögel, aber cool!“ weiter, weil sie weiß, dass die Welt zu einem besseren Ort wird, wenn sich mehr Menschen für Vögel begeistern.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein neues KOSMOS-Buch: „Die Superkräfte der Vögel“

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