Wie die Nandus mich fanden: Unterwegs in Mecklenburg-Vorpommern

Seit ziemlich genau drei Jahren steht immer wieder ein Punkt auf meiner Wunschliste, den ich mir einfach nicht erfüllen konnte: die deutschen Nandus sehen. Ich habe ihn mir sogar immer und immer wieder als Jahresziel aufgeschrieben, nur um ihn dann unerlebt auf die nächste Liste zu schieben. Im letzten Jahr war ich schon einmal relativ dicht dran – und bin dann am Abend vor der Abreise so richtig krank geworden. Für dieses Jahr habe ich ihn mir dann gar nicht mehr als Ziel auf meine öffentliche Liste gesetzt, weil ich mir langsam albern und unglaubwürdig vorkam. Aber dann bin ich sogar zweimal losgefahren, um die einzigen wild lebenden Nandus Europas in Mecklenburg-Vorpommern zu sehen. Ob das am Ende geklappt hat, erzähle ich gleich. Aber erstmal:

Wie kommen Nandus nach Mecklenburg?

Falls du dich gerade fragst, warum ich auf die Idee komme, südamerikanische Laufvögel in Norddeutschland sehen zu wollen, lass uns doch mal von vorne anfangen: Wie kommen Nandus nach Mecklenburg? Tja, das hängt mit unseren veralteten Tierschutzgesetzen zusammen. Hier in Deutschland kann man ja sogar Löwen und Affen als Haustiere halten, warum dann nicht Nandu – dachte sich wohl ein Mensch in Groß Grönau, nördlich des Ratzeburger Sees. Anfang des Jahrtausends haben es dann ein paar von ihnen geschafft, aus der Gefangenschaft zu entkommen: drei Hähne und vier Hennen.

Sie überquerten die Wakenitz und landeten in Nordwestmecklenburg, im Norden des heutigen UNESCO-Biosphärenreservats Schaalsee. Das Gebiet liegt östlich des Ratzeburger Sees und nördlich des Schaalsees, direkt im Grenzgebiet von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Dort fanden sie alles, was ein Nandu so braucht: weite, offene Felder, die ein bisschen an die Pampa ihrer Heimat erinnern, jede Menge Futter und nur wenige natürliche Feinde.

Wider allen Erwartungen kamen sie mit den norddeutschen Wetterverhältnissen gut klar und vermehrten sich fröhlich. Im Herbst 2018 zählten die Mitarbeitenden des Biosphärenreservats 566 Nandus. Der Bauernverband nahm diese frohe Botschaft zum Anlass, um erfolgreich den Abschuss der großen Laufvögel zu fordern. Seitdem sinkt die Zahl der deutschen Nandus.

Zweiter Versuch: Krank auf dem Nandu-Highway

Im Mai dieses Jahres habe ich es dann endlich bis ins Nandugebiet geschafft. Krank, aber immerhin. Einen ganzen Tag lang bin ich genau die Straße zwischen zwei Ortschaften rauf und runter gefahren, die als DER Nandu-Highway gilt. Dort sieht man angeblich immer Nandus. Ähm, tja, was soll ich sagen: Ich nicht.

Und auch in den angrenzenden Gebieten habe ich keine entdecken können, obwohl ich für drei Tage vor Ort war. Gut, ich konnte nicht besonders weit laufen und habe nicht gut gehört, aber bei Nandus gibt es ja nun mal gar nichts zu hören, weil sie ziemlich lautlos sind. Und so riesig wie sie sind, sind sie ja eigentlich auch aus der Ferne nicht zu übersehen. Aber nichts zu machen.

Erst hinterher habe ich erfahren, dass meine Chancen denkbar schlecht standen: Die Bestandszahl ist über den Winter noch einmal weiter eingebrochen. Bei der Frühjahrszählung 2026 hat das Team des Biosphärenreservats nur noch 39 Nandus entdecken können. Das waren nochmal 30 weniger als in 2025. Von 566 auf 39 in acht Jahren. Wie scheiße Menschen einfach sein können.

Warum es kaum noch Nandus gibt

Der Hauptgrund für diesen drastischen Bestandsrückgang sind Menschen, in diesem Fall: Männer mit Waffen.

Wie alles Fremde wurden auch die Nandus nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Das liegt auch daran, dass sie gerne die Blätter und Triebe von jungem Raps fressen und damit den Ernteertrag schmälern. Die Menschen in der Landwirtschaft haben lange versucht, die Vögel zu vertreiben, unter anderem mit Elektrozäunen und Gülle auf den Feldern, aber die Nandus blieben davon ziemlich unbeeindruckt. Danach wurden Eier angebohrt, damit keine weiteren Küken schlüpfen. Aber gegen die Alttiere half das natürlich auch nicht.

2019 durften die ersten Hähne geschossen werden, und im April 2020 kam der Nandu ins Jagdrecht von Mecklenburg-Vorpommern. Küken und Jährlinge durften seitdem das ganze Jahr über geschossen werden, ältere Hähne und Hennen vom 1. November bis zum 31. März.

Im Jagdjahr 2020/21 wurden 181 (!!) Nandus erlegt, im Jahr danach 79. Die Folge sieht man nicht nur an den Zahlen. Die Nandus sind seitdem sehr scheu geworden und halten viel mehr Abstand zu Menschen als früher.

Aber auch das norddeutsche Wetter macht den Nandus zu schaffen, besonders dem Nachwuchs. In nassen, kalten Frühjahren sterben überdurchschnittlich viele Küken, weil sie auskühlen. Und in Wintern, in denen Schnee lange verharscht bleibt, sterben viele Jungvögel, weil sie kaum Futter finden.

So ein schönes, weites, nandufreies Feld.

Aller guten Dinge sind drei

Als ich nach meiner Heimkehr erfuhr, wie dramatisch die Bestände zusammengeschossen waren, wurde ich sehr traurig und unruhig. Da nur noch so wenige Tiere übrig waren, hatte ich das Gefühl, dass mir die Zeit davonlief. So lange hatte ich es versäumt, die Nandus zu besuchen, weil ich den Ausflug optimistisch auf „später“ verschoben hatte. Aber mit den damals noch bevorstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern war auch klar, dass sich politisch einiges ändern könnte in dem Bundesland und mir schwante, dass das für die Nandus möglicherweise nichts Gutes bedeuten könnte.

Statt also meinen neuen Nandu-Versuch auf den nächsten Frühling zu verschieben, nahm ich mir vor, noch vor dem Beginn der Jagdsaison am 1. November noch einmal hinzufahren.

Neuer Versuch, wieder Pech

Diesmal war ich fit und wach, als ich im Nandu-Gebiet ankam. Natürlich fuhr ich zuerst wieder den Nandu-Highway rauf und runter und machte die altbekannten Abstecher in andere Ortschaften. Da ich an zwei Tagen in dem Gebiet war, unternahm ich diesmal auch lange Streifzüge durch die Felder und Wälder der Gegend.

Dabei beobachtete ich mehr als ein Dutzend Kolkraben beim Spielen und mindestens zwei Rotmilane. Ich suchte jede Bodenwelle mit dem Fernglas ab und war besonders aufmerksam in Gegenden, wo in den Tagen vorher Nandus gemeldet worden waren. Aber es war wie verhext: keine Nandus weit und breit.

Bei so wenigen, scheuen Tieren in einem solch großen Gebiet ist das vielleicht auch gar kein Wunder. Schade fand ich es natürlich trotzdem, aber so ist das manchmal beim Vogelgucken. Die Natur ist ja schließlich kein Zoo, zum Glück!

Nach anderthalb Nandu-Tagen machte ich innerlich einen kleinen Haken dran. Am folgenden Abreisemorgen wollte ich vielleicht noch einen letzten Versuch starten, nur damit ich es hinterher nicht bereuen würde. Vielleicht aber auch nicht. Es war Regen angesagt.

Unerwartetes Nandu-Glück

Ich verließ also das Nandu-Gebiet und fuhr ein paar Kilometer weiter, um vor dem Sonnenuntergang von einem Beobachtungsturm aus noch ein paar Enten und Kraniche anzuschauen. Und als ich da oben stand, meinen Blick schweifen ließ und derweil mein sehr spätes Mittagessen aus dem Rucksack kramte, stand da plötzlich ein Nandu auf dem Feld. Ein erwachsener Hahn. Wie vom Himmel gefallen. Mein Herz machte einen Hopser.

Er stand ganz still. Ich starrte ihn eine Weile fasziniert an und als ich meinen Blick löste, stand da plötzlich ein Jungvogel hinter ihm. Und noch einer. Und noch einer. Und noch einer.

Auf der anderen Seite der kleinen Bodenwelle entdeckte ich noch zwei weitere Hähne. Und dazwischen waren inzwischen 13 Jungvögel hervorgekommen. 16 Nandus auf einmal. Bäm!

Und spätestens dann verstand ich, wie leicht diese großen Vögel in der Landschaft verschwinden können. Die ist dort nämlich ziemlich hügelig, oder eher wellig. Obwohl ich erhöht stand, habe ich die 16 Nandus immer wieder aus den Augen verloren, wenn sie in einer Senke abtauchten.

Nandu-Fakt: Bei Nandus sind die Hähne, also die Männchen, für den Nachwuchs zuständig. Mehrere Hennen legen ihre Eier in ein Nest. Ausbrüten und großziehen übernehmen die Männchen. Deshalb war meine Gruppe nicht ungewöhnlich.

Zackbumm stand da plötzlich ein Nandu auf dem Feld und schaute durch die Gegend. Keine Ahnung, wie lange ich den schon übersehen hatte.
Und dann kamen Nandu für Nandu noch 15 weitere hinter dem Hügel hervor und spazierten übers Feld.
13 der 16 waren Jungvögel, unter anderem daran zu erkennen, dass sie süßer sind als ihre Papas.
Als sie lange genug nach links gelaufen waren, legten sie einen kleinen Sprint ein und liefen zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Ob es eine kleine Trainigseinheit war oder es doch einen Anlass gab: Nandus sind eindeutig sehr talentierte Laufvögel.
Einfach mal den Überblick behalten: zwei der drei Papas hielten sich meist etwas abseits und ließen sich nicht ablenken.
So, jetzt lasst uns nach dieser Aufregung mal dieses Grün inspizieren. Und dazwischen vielleicht ein paar Würmer?

Was ich von dieser Suche mitnehme

Ich kenne das eigentlich schon: Oft, wenn ich gezielt rausgehe, um eine bestimmte Vogelart zu sehen, klappt es nicht auf Anhieb. Und das ist völlig in Ordnung. Bei frei lebenden Vögeln, die nicht gerade in einer Brutkolonie sitzen, haben wir einfach nicht in der Hand, ob wir sie sehen. Und genau das macht für mich einen Teil der Magie des Vogelguckens aus.

Nicht wir finden die Vögel, sondern am Ende finden die Vögel uns. Und in diesem Fall mal wieder genau dann, als ich aufgehört hatte, sie zu suchen.

Wenn du also das nächste Mal losziehst, um einen bestimmten Vogel zu sehen, und er sich nicht blicken lässt, denk dran: Es liegt nicht an dir und auch nicht an irgendwelchem Talent, das du nicht zu haben glaubst. Und pass auf, dass du all die anderen Vögel nicht verpasst, die stattdessen da sind und über die du dich freuen kannst.

Wie es mit den Nandus weitergeht

Dass die Nandus zum Abschuss freigegeben wurden, finde ich unterirdisch. Gleichzeitig verstehe ich, dass die Menschen mit Landwirtschaft in diesem Gebiet auch keinen Bock auf die Schäden haben, die die Nandus verursachen. Dass sie so lange von der Politik alleingelassen und die Schäden bis 2019 nicht ersetzt wurden, weil Nandus anders als Wildschweine nicht als heimisch eingestuft sind, finde ich unfassbar.

Dabei könnten die Nandus auch ein Wirtschaftsfaktor sein, mit dem die Region offensiv punkten könnte. Wir sind nicht die einzigen, die mehrmals dorthin gereist sind, um diese außergewöhnlichen Vögel zu sehen.

So wie es jetzt ist, werden die Nandus aber vor allem als Eindringlinge oder Schädlinge dargestellt, und ich habe den Eindruck, dass besonders die Jagdverbände ein Interesse daran haben, dass das so bleibt.

Im August 2026 hat MV-Umweltminister Till Backhaus angekündigt, dass erwachsene Nandus vorerst nicht mehr gejagt werden. Ziel ist es, den Bestand zwischen 50 und 100 Tieren zu halten. Nach der Herbstzählung soll entschieden werden, wie es im nächsten Jahr weitergeht.

Falls du auch die Nandus sehen möchtest

Die Nandu-Hoch-Zeit, in der die großen Laufvögel nicht zu übersehen waren und man praktisch über sie gestolpert ist, hast du – wie ich – verpasst. Sie kommt nicht zurück.

Die besten Chancen Nandus zu sehen hast du jetzt wohl im Herbst und Winter, wenn die Felder abgeerntet sind und man weit schauen kann. Nimm dein Fernglas mit und halte vor allem auf den Feldern und am Waldrand Ausschau nach ihnen. Such die Kuhlen und Senken mit den Augen ab und denk dran, dass sie auch gerade ruhen könnten. Bleib auf den Wegen, halte Abstand, behindere den Verkehr nicht und park keine Feldzufahrten zu. Und bring Geduld mit.

Und jetzt sag du mal: Welcher Vogel hat dich schon mal so richtig zappeln lassen? Erzähl es mir gerne in den Kommentaren!

von Silke Hartmann | 24. Okt. 2026 | Tagebuch, Vogelwissen

bearbeitet am 24. Oktober 2026

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon als Kind interessierte sich Silke Hartmann für Vögel, aber kannte lange niemanden, der diese Begeisterung teilte. Um Gleichgesinnte zu finden, ging sie ins Internet und merkte schnell, dass es vielen Menschen so geht wie ihr früher. Deshalb gibt sie jetzt ihr Vogelwissen und ihre Begeisterung in Onlinekursen, ihrem Podcast "Vögel, aber cool!", ihrem Blog und auf Instagram weiter. Ihr erstes Buch "Die Superkräfte der Vögel" wurde zum "Wissensbuch des Jahres 2024" gewählt. Ihr zweites Buch "Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" richtet sich an Kinder ab 7 Jahre.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein 1. Buch: "Die Superkräfte der Vögel"

"Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" – Mein Vogelbuch für Kinder ab 7

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