Als ich am Sonntagnachmittag auf dem Sofa lag und las, drangen die aufgeregten Rufen der Austernfischer in mein Bewusstsein. Das ist zurzeit nicht furchtbar ungewöhnlich, denn schließlich brütet auch in diesem Jahr direkt über mir auf dem Flachdach wieder ein Austernfischerpaar. Diesmal klangen die Rufe aber doch ein bisschen aufgeregter als sonst, und deshalb schaute ich prüfend hinab in unseren Garten. Und tatsächlich: Da wuselte ein flauschiges kleines Austernfischerbaby umher.
Ein Elternteil stolzierte mit ihm durch den Garten, das andere flatterte noch ziemlich aufgeregt umher, flog mal auf unser Dach, mal aufs Nachbardach, hinunter in den Garten, wieder zurück aufs Dach und rief dabei die ganze Zeit.
Ich freute mich natürlich mega, das Mini zu sehen, und informierte erstmal alle Nachbarinnen, deren Nummer ich habe. Dann lehnte ich die nächste Stunde am offenen Fenster und schaute verzückt in den Garten hinab. Zwischendurch machte ich auch ein paar Fotos.

Ein Küken fällt vom Himmel
Als ich gerade versuchte, ein Selfie mit dem Austernfischer direkt über mir zu machen, sah ich plötzlich etwas Graues vom Dach fallen und in dem vermaledeiten Rhododendron unter meinem Fenster verschwinden. Nach kurzer Verwirrung begriff ich: Ich hatte den Sprung eines zweiten kleinen Austernfischerkükens gesehen! Wie aufregend.
Ich behielt das Gebüsch im Auge und wartete darauf, dass es hervorkommen und den Rufen seiner Mama auf den Rasen folgen würde, denn schließlich konnte ich es aus dem Gebüsch rufen hören. Aber es brauchte offenbar noch ein bisschen, um sich von dem Sprung zu erholen.
Zwischenzeitlich kamen auch zwei Nachbarinnen mit Hund vorbei, die über das andere kleine Küken hinweg ins Haus klettern mussten, weil sich das gerade direkt an die Stufe vor unserer Tür gesetzt hatte. Die aufgeregten Rufe der Austernfischermutter aus der unmittelbaren Nähe waren ohrenbetäubend.
Eine andere Nachbarin, die zum Bingo vorbeikam, freute sich mit mir über das erste Mini und spähte auch mal ins Gebüsch, ob sie das zweite Mini entdecken konnte. Sie hörte es aber auch nur und konnte es zwischen den dichten Blättern nicht erspähen.
Es rief immer noch aus den Tiefen des Rhododendrons, die Mutter auf der Wiese antwortete, aber hervor kam es nicht.
Die Sache began, mir merkwürdig vorzukommen. Warum kam es nicht aus dem Gebüsch? Schließlich verließ ich meinen Fensterplatz, um mal unten nachzusehen, was da los war. Vielleicht hing das Mini zwischen Zweigen fest oder hatte sich in die Rattenfalle verirrt?

Das Küken, das nicht aufsteht
Im Hof musste ich lange suchen, bis ich das Rufen im Gebüsch orten konnten. Dass die Eltern und das Geschwister auch die ganze Zeit umherwuselten und ohrenbetäubend riefen, erleichterte die Sache nicht unbedingt. Die Rufe schienen zwischendurch von überall zu kommen. Clever, wie die Natur dieses Ablenkungsmanöver eingerichtet hat.
Schließlich entdeckte ich es im Dämmerlicht, aber nur, weil ich durch mein Fernglas schaute und das Küken auf der Seite oder auf dem Rücken zu liegen schien. Seine weiße Unterseite leuchtete und ich sah zweimal darüber hinweg, weil ich das Helle für ein Mülltaschentuch hielt. Ich suchte offenbar nach Bewegung, nach einem aufrechtstehenden Küken, wie das, das wenige Schritte rechts von mir herumwuselte. Doch da lag es, tief im Gebüsch.
Musste es nur umgedreht werden? Ich holte schnell eine schmale Gardinenstange – doch als ich mich in das Gebüsch schob, hatte es seine Position verändert. Es lag flach auf dem Boden, fast unsichtbar. Es rief immer wieder laut, sein Herzchen schlug kräftig, aber dem kleinen Austernfischer liefen bereits Ameisen übers Gefieder. Sein rechter Flügel war merkwürdig abgespreizt. Es brach mir das Herz.
Ich zog mich zurück, setzte mich auf unsere Eingangsstufe und hatte Tränen in den Augen. So ist Natur: leben und sterben. Und wie soll man ein Austernfischerküken päppeln und auswildern?
Derweil liefen das Geschwister und seine Eltern durch den Garten, mal hierhin, mal dorthin, aber immer im Kontakt miteinander und mit dem verletzen Mini im Gebüsch. Das rief kräftig zurück und bewegte sich sogar.
Dann fiel mir die Wildtierauffangstation ein, die ich letzte Woche erst besucht hatte. In einer der Volieren hatte es auch kleine Watvögel gegeben. Kiebitze? Austernfischer? Ich wusste es nicht mehr sicher, aber plötzlich gab es Hoffnung für das Kleine, das so sehr kämpfte. Vielleicht war ja nur der Flügel kaputt … oder ein Beinchen verstaucht?
Ich krabelte also wieder ins Gebüsch und nahm das kleine Austernfischerküken vorsichtig, aber bestimmt hoch.
Zum Glück war mein Mann inzwischen runtergekommen. So konnte er die Ameisen absammeln, ohne dass ich das Kleine umbetten musste. Ich nahm es dann vorsichtig mit zu uns nach oben, setzte mich mit ihm im Wohnzimmer auf den Boden und hielt es warm.

So saßen wir da, ganz ruhig und friedlich, und lauschten auf die Rufe seiner Familie. Das Kleine rief auch immer mal wieder, hielt aber seine Augen geschlossen und bewegte sich wenig.
Bei der Wildtierauffangstation erreichten wir niemanden. Wie auch? Es ist ja schließlich gerade Hochsaison und die Mitarbeitenden haben Wichtigeres zu tun, als zu telefonieren. Was hätten sie auch tun können? Was hätte ich auch tun können, außer wärmen und abwarten?
Nach einer langen ruhigen Phase wurde das Kleine dann noch einmal sehr aktiv, hat den Kopf gehoben, sich aufgerichtet, zart mit den Flügeln geschlagen und gerufen. Und ich dachte schon: Jetzt wird es vielleicht doch noch eine Wundergeschichte. Dann legte es sich wieder hin und kurz danach hat sein Herzchen aufgehört zu schlagen.
Ein Küken wie herbeigezaubert
Ja, ich habe heimlich davon geträumt, dass ich „mein“ Küken auf die Wiese setzen und es laut piepend zu seiner Familie laufen würde. Das ist nicht geschehen. Als ich aber mit dem toten Küken in meiner Hand aufstand und aus dem Fenster sah, lief da plötzlich doch ein zweites Austernfischerküken im Garten herum.
Während ich #2 beim Sterben begleitete, war das dritte Küken dieser Familie von mir unbemerkt vom Dach gesprungen, wohlbehalten zu seinem Geschwister gelaufen und erkundete jetzt gemeinsam mit ihm die Welt.
Leben und Tod, Freud und Leid so nah beieinander.


Abschließende Gedanken
Eltern-Kind-Beziehung
Ein kleines Küken, dessen Leben seine Eltern wochenlang erfolgreich und mit viel Mühe gegen Rabenkrähen, Silbermöwen, Regen, Sturm und Kälte verteidigt haben, und das sich dann – wahrscheinlich – beim Sprung ins Leben verletzte und einfach starb. Was für ein Hohn.
Seine Eltern riefen es ausgiebig, aber sie suchten es nicht, obwohl sie seinen Standort easy lokalisiert haben. Das Elter kam immer wieder in die Nähe der Hecke. Im letzten Jahr habe ich beobachtet, wie sehr sich Austernfischereltern für ein verloren gegangenes Küken eingesetzt haben, als es in einen Gully fiel. Sie stupsen ihren Nachwuchs auch mal an, sie halten sie zusammen. Aber in ein Küken, das am Anfang nicht von selbst angelaufen kommt und folgt, können sie keine Energie investieren.
Das mag uns grausam erscheinen, aber was wäre die Alternative?
Meine Rolle
War das, was ich gemacht habe, Tierquälerei? Ich weiß es nicht. Ich hatte das Küken schon zum Sterben aufgegeben und dann, als ich doch noch Hoffnung sah, konnte ich es nicht einfach liegen lassen. Ich bilde mir ein, dass es im Sterben so zumindest keine Ameisen hatte, die es gepiesakt haben, und es in meiner Hand deutlich wärmer war, als auf der feuchtkalten Erde. Aber objektiv betrachtet weiß ich nicht, ob es das vor lauter Schmerzen, die es gehabt haben muss, überhaupt gespürt hat. Auch nach all meinen Überlegungen und nach dem Austausch mit meiner liebsten professionellen Naturschützerin weiß ich die Antwort nicht, aber ich würde wohl wieder so handeln.
Auf keinen Fall soll diese Geschichte jedoch eine Ermutigung sein, wahllos irgendwelche Vogelküken einzusammeln, im Gegenteil. Die meisten Vogelbabys brauchen keine Hilfe. Wenn du noch nicht weißt, wie du erkennst, welches Küken Hilfe braucht und welches nicht, schau in diesen Blogbeitrag, damit du im Fall der Fälle besonnen und richtig entscheiden und handeln kannst.
Ich habe zum ersten Mal ein so junges wildes Vogelküken in der Hand gehalten. Es so nah betrachten zu können, war für mich, trotz der Umstände, ein Geschenk. Es hatte noch seinen kleinen Eizahn am Schnabel. Sein Gefieder sah zwar fluffig und kuschelig aus, war aber so zart und weich, dass ich es gar nicht fühlen konnte. Was ich fühlen konnte, war sein Herzschlag.
Alles Leben ist Leben, das leben will.











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