Wenn wir mal ehrlich sind, glaube ich wohl auch nach all den Jahren oft nicht wirklich daran, dass ich die Vögel sehen werde, die andere sehen. Genau so ging es mir, als vor Kurzen plötzlich Tannenhäher bei uns an der Nordseeküste auftauchten.
Schon seit ein paar Tagen waren sie in der Gegend gemeldet worden. Hingefahren bin ich trotzdem nicht sofort. Entweder glaubte ich, mir keine Zeit nehmen zu können, oder ich hatte keine Hoffnung, sie noch zu erwischen, denn solche Sichtungen sind ja oft Momentaufnahmen.
Ein bisschen Glücksritterinnen-mäßig bin ich aber dann doch an einem stürmischen Sonntagnachmittag losgefahren, wie um mir selbst zu beweisen, dass ich recht habe. Gesehen habe ich in dem Wetter natürlich keinen.
Dann wurden Mitte der Woche zwei in einem Gebiet gemeldet, in dem ich oft unterwegs bin und mich okay auskenne. Am nächsten Morgen ist noch jemand hingefahren und hat bestätigt, dass sie immer noch da sind. Also habe ich es gewagt und bin direkt nach dem Mittagessen losgefahren.
Und dann flog er mir einfach über den Weg
Vom Parkplatz bis zu der Stelle, wo sie gemeldet worden waren, ist es eine knappe halbe Stunde Fußmarsch. Den ganzen Weg über habe ich die Augen offen gehalten, gehofft und gebangt. Aber außer Wintergoldhähnchen, Rotkehlchen und ein paar überfliegenden Weißwangengänsen nichts zu hören.
Kurz bevor ich dann die Stelle erreicht hatte, an der sie gesehen worden waren, flog plötzlich ein Tannenhäer direkt vor mir von über den Weg. Ich blieb wie vom Donner gerührt stehen und mein ganzer Körper wurde von Glückshormonen gefluten. Das war so offensichtlich gewesen, dass ich ihn wirklich nicht hatte übersehen konnte. Was für ein Geschenk!
Aber es wurde noch besser. Ich begleitete diesen Tannenhäher ein Stück den Weg hinunter. Er ignorierte mich völlig und ließ sich auch null-Komma-gar-nicht von mir stören. Und dann kam noch ein zweiter dazu und schließlich noch ein dritter. Sie turnten durch die Bäume, flogen immer mal wieder ein bisschen weg und kamen zurück. Sie blieben super entspannt, auch wenn Fahrradfahrende vorbeisausten, und ich konnte richtig viel Zeit mit ihnen verbringen. Immer wieder kamen sie dabei in den Bäumen ziemlich nah an mich heran.
Ganz besonders schön fand ich, dass sie durch zarte, schwatzende, fast zwitschernde Laute Kontakt untereinander hielten. Das klang so niedlich, dass mir richtig das Herz aufgegangen ist.

Woran erkennst du einen Tannenhäher?
Der Tannenhäher ist ein Rabenvogel und ungefähr so groß wie unser Eichelhäher, also rund 33 Zentimeter von der Schnabelspitze bis zum Schwanzende. Weil er dunkel und anders proportioniert ist, wirkt er aber größer. Sein Gefieder ist schokobraun und weiß getupft. Dazu hat er eine braune Kappe, braune Flügel und am Schwanz einen breiten weißen Saum, die sogenannte Endbinde.
Auf den ersten Blick könntest du ihn deshalb für einen sehr großen, braunen Star halten. Der Tannenhäher hat aber einen viel längeren und kräftigeren Schnabel.
Die Gäste, die gerade bei uns sind, gehören zur sibirischen Unterart macrorhynchos. Sie haben im Schnitt einen etwas schlankeren Schnabel und eine breitere weiße Schwanzbinde als die europäischen Tannenhäher.
Tannenhäher sind eher schweigsam. Wenn sie aber zu mehreren unterwegs sind, kannst du auch jetzt im Herbst ihren Ruf hören, der wie „krrreeh“ oder „keeh“ klingt. Wenn du die Rufe von Elster und Eichelhäher im Ohr hast, merkst du sofort, dass da irgendwas nicht stimmt. So war es bei mir im Wald auch. Er klingt einfach neuartig und anders als alle anderen Vögel der norddeutschen Tiefebene.
Warum kommen Tannenhäher aus Sibirien zu uns?
Tannenhäher sind Vögel des Nadelwaldes. In Deutschland leben sie eigentlich nur in den Alpen und in einigen Mittelgebirgen wie dem Schwarzwald, dem Solling oder dem Harz. Offene Landschaften meiden sie eher.
Die Vögel, die jetzt bei uns sind, kommen aus Sibirien. Auch dort sind sie eigentlich Standvögel. Sie legen im Herbst große Wintervorräte aus Nüssen und Samen an, vor allem aus den Samen der Sibirischen Zirbelkiefer. Fällt die Zapfen- und Nussernte mau aus und können sie nicht genügend Vorräte für den Winter anlegen, machen sich besonders die jungen Tannenhäher auf den Reise, um anderswo ihr Glück zu finden.
Die letzten großen Einflüge in Mitteleuropa gab es 1968, 1977, 1985 und 1993. Seitdem sind nur noch vereinzelte Tannenhäher aus dem Norden und Nordosten bei uns aufgetaucht. Bis jetzt.
In diesem Jahr begann der Zug Ende August in Finnland, und zwar so stark wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr. Am Bottnischen Meerbusen wurden allein am 22. August mehr als 400 Tannenhäher gezählt. In Dänemark wurden Ende September, Anfang Oktober rund 150 Tannenhäher gezählt. Der Ornithologe Rolf Christensen von der Vogelstation Grenen bezeichnete den Einflug als "die Invasion des Jahrhunderts“. Ende September zogen auf Usedom acht Tannenhäher durch, und auch auf Helgoland und Neuwerk wurden in den letzten Wochen welche entdeckt.
Das klingt vielleicht nicht nach viel. Im Vergleich zu sonst ist es aber enorm. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) spricht vom stärksten Auftreten seit mehr als 30 Jahren. Auch hier bei uns im Norden von Niedersachsen wurden am 28. Oktober mindestens acht Tannenhäher gemeldet, das waren an diesem Tag die meisten in ganz Niedersachsen.
Ob die sibirischen Tannenhäher bleiben oder weiterziehen, lässt sich leider schwer vorhersagen. Ich drücke jedenfalls die Daumen, dass unsere Gäste noch eine Weile bleiben. Und weil der Einflug noch läuft, bin ich sehr gespannt, wie dieser Herbst am Ende in die Geschichte eingehen wird.

So kannst du selbst Tannenhäher entdecken
Im Moment lohnt es sich fast überall, die Augen offenzuhalten. Die Tannenhäher könnten überall auftauchen, wo ein paar Bäume stehen. Auch in Städten und Siedlungen kannst du sie entdecken:
- Schau in Gärten und Parks. Bei früheren Einflügen hielten sich viele Tannenhäher dort auf und kamen sogar an die Futterhäuser.
- Achte auf Futterbäume. Wie es sich für einen anständigen Rabenvogel gehört, sind sie in der Tiefe ihres Herzens Allesfresser. Am liebsten fressen sie Zirbelsamen und Haselnüsse. Hier wurden sie in dieser Woche aber auch an Äpfeln und Eicheln beobachtet und beim Erbeuten von Wespen und Käfern.
- Spitz die Ohren. Ein Ruf, der dir zwischen Elster und Eichelhäher seltsam fremd vorkommt, kann der erste Hinweis sein.
- Bleib einfach stehen. Die sibirischen Gäste sind viel weniger scheu als die Tannenhäher aus unseren Bergen und kommen manchmal bis auf wenige Meter heran, wenn du still bleibst.
- Melde deine Sichtung. Der DDA bittet darum, alle erkennbar durchziehenden Tannenhäher sowie alle, die deutlich abseits bekannter Vorkommen (z.B. im norddeutschen Flachland) runturnen als „Tannenhäher (ssp. macrorhynchos), Sibirischer“ auf ornitho.de einzutragen. So hilfst du mit, diesen Einflug zu dokumentieren.
Bitte bleib dabei auf den Wegen und verfolge die Vögel nicht. Sie haben eine weite Reise hinter sich und brauchen ihre Kräfte.
Wie die Vögel mich finden
Vielleicht fragst du dich, warum ich nach all den Jahren immer noch zweifle. Ehrlich gesagt frage ich mich das auch. Ich habe es schon so oft erlebt, dass ich mit dem Gedanken losgegangen bin, die Vögel ja sowieso nicht zu sehen, und sie dann doch gesehen habe. Und trotzdem ändert sich an diesem Gefühl irgendwie nichts. Ist es Imposter, ein tief in mir sitzender Pessimismus, die Angst davor, enttäuscht zu werden? Man weiß es nicht.
Dabei beweist mir jeder Vogel, bei dem ich tief in meinem Herzen glaube, dass ich ihn nicht sehen werde, das Gegenteil. Der Tannenhäher, der mir direkt vor der Nase über den Weg flog, war wieder so ein Beweis. Und auch die Nandus, die ich erst vor knapp zwei Wochen in Mecklenburg-Vorpommern entdeckte.
Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass die Vögel eigentlich mich finden. Ich muss nur unterwegs sein und die Augen offenhalten, den Rest machen die Vögel, wenn die Zeit reif ist.
Und falls du jetzt selbst losziehen möchtest und Angst hast, leer auszugehen: Die brauchst du nicht zu haben. Jeder Vogel, den du siehst, ist ein Geschenk. Du kannst auf Tannenhäher hoffen und die Augen offenhalten, und falls es diesmal doch nicht klappen sollte, hast du am nächsten Tag oder im nächsten Jahr eine neue Chance.
Finale
Der Tannenhäher war für mich der schönste Abschluss für einen Oktober, der ganz im Zeichen der Rabenvögel stand, denn auch wenn er mit seinem getupften braunen Gefieder so gar nicht nach Krähe aussieht, gehört der Tannenhäher zu den Rabenvögeln. In meinem Rabenvögel-Kurs bekommt er deshalb ein eigenes Video, zusammen mit sieben, acht weiteren heimischen Arten, und darin erzähle ich dir noch viel mehr, was sich über ihn zu wissen lohnt. >> Hier findest du alle Details zum Kurs.
Hast du schon mal einen Tannenhäher gesehen oder gehört? Oder träumst du noch davon, in diesem Jahr einem zu begegnen? Erzähl mir gern in den Kommentaren davon.










Liebe Silke, gerade habe ich deine Berichte im Netz entdeckt und freue mich riesig auf mehr. Doch erstmal einen großen Dank an dich , zur Verbreitung deiner Begeisterung zur vogelbeobschtung. Immer schon, habe ich gerne meine alltägliche Freude beim Vogelschauen mit Freunden/innen geteilt.
Vielen Dank und liebe Grüße Manuela aus OWL