Rotkehlchen: niedlich, biestig, talentiert

Rotkehlchen gehören mit zu den beliebtesten Vögeln in Europa. In Großbritannien ist es inoffizieller Nationalvogel und auch bei uns konnte es sich bei der ersten und bisher einzigen öffentlichen Wahl zum Vogel des Jahres 2021 gegen alle anderne Vogelarten durchsetzen. Durch ihr markantes Äußeres mit der orange-roten Brust sind sie leicht zu erkennen. Kein anderer Vogel ziert hierzulande so viele Tassen, Postkarten und Kinderkleidung wie das Rotkehlchen. Aber was wissen wir über das nette Vögelchen in unserem Garten, außer, dass es so süß ist? Hier einmal ein kleines Update:

Aussehen

Durch ihr markantes Äußeres sind sie leicht zu erkennen, aber Achtung: Es gibt noch mehr rote Vögel bei uns. Beim Rotkehlchen ist auch viel mehr als „nur“ die Kehle rot. Auch ihr Gesicht und ihre Brust sind großflächig rot oder besser gesagt: orange-rot. Sie könnten also auch Orangebrüstchen heißen, aber wir sind da mal großzügig. Ihr Bauch ist weißlich und der Rest beige-grau und olivgrün.

Dadurch unterscheiden sie sich auch deutlich von Gartenrotschwänzen und Gimpeln, die zwar auch eine rote Brust, jedoch ein dunkles Gesicht und ebenfalls einen roten Bauch haben. Aber eigentlich sind Rotkehlchen unverwechselbar.

Ihre großen, runden leuchtenden Knopfäuglein bedienen eindeutig das Kindchenschema und deshalb wirken sie sooo niedlich auf uns. Dazu kommt, dass sie etwas pummelig und kugelförmig wirken. Auf ihren dünnen langen, schräg angesetzten Beinchen stehend wirken sie immer etwas bockig-trotzig-erhaben.

Lebensraum

Der Wahlkampfslogan des Rotkehlchens bei der Wahl zum Vogel des Jahres 2021 war „Mehr Gartenvielfalt“. Der zielt darauf ab, dass Rotkehlchen typische Gartenvögel sind. Sie mögen es im Garten gerne unaufgeräumt und naturnah. Sie brüten geschütz, oft bodennah im Dickicht und auch mal im Efeu. In einer Schotterwüste mit einem Betonbuddha in der Mitte wirst du also wahrscheinlich kein Rotkehlchen treffen. Und diese Gärten des Grauens sind ja auch für alle anderen Lebewesen ein Albtraum. Genau darauf wollte das Rotkehlchen mit seinem Wahlslogan aufmerksam machen.

Außer in Gärten und Parks leben Rotkehlchen auch an Waldrändern, immer noch im Wald (denn da kamen sie ursprünglich her) und auch mal auf freiem Feld, falls es dort ein paar Büsche gibt. Am Boden bewegen sie sich hopsend fort und sind immer in Bewegung. Sie fliegen im Alltag meist nur kurze Strecken. Da Starten und Landen die energieintensivsten Flugphasen sind, haben Rotkehlchen einen sehr hohen Energieverbrauch.

Gartenvogel

Die Fluchtdistanz zu uns Menschen ist eher gering; Rotkehlchen kommen erstaunlich nah an uns heran. Sie sind neugierig, unerschrocken, fast zutraulich. Mit etwas Geduld lassen sie sich auch aus der Hand füttern.

Und genau darum geht es bei ihrer Zutraulichkeit: um Futter. Sie sehen uns Menschen als potenzielle Futterbeschaffer. Sie warten darauf, dass wir ihnen bei der Gartenarbeit Regenwürmen, Asseln, Spinnen und Insekten aus dem Boden nach oben befördern oder in unserem Alltag sonstwie aufscheuchen. Und ob das jetzt ein Mensch oder ein Wildschwein für sie erledigt, ist ihnen dabei egal.

Einzelgänger*innen

Auch wenn sie auf so viele Menschen bezaubernd und hinreißend wirken, haben sie es faustdick hinter den Ohren. Sie sind echte Rabauken und eigenbrödlerische, aggressive Einzelgänger.

Sie sind am liebsten für sich und verteidigen das ganze Jahr über ein Revier. Das gilt natürlich für Weibchen und für Männchen. Und deshalb singen bei den Rotkehlchen auch beide Geschlechter. Sie flöten sich aber nicht aus lauter Nettigkeit romantisch an, wie wir das gerne interpretieren, sondern Singen ist knallhartes Business. Außerhalb der Paarungszeit gehen sich die beiden Geschlechter auch ganz gleichberechtigt an die Gurgel und vertreiben sich gegenseitig aus den Revieren.

Wenn die Männchen zur Brutzeit ihren Vollgesang anstimmen, kommen die Weibchen vorbei und checken das Männchen ab. Die sind aber noch so auf Verteidigung getrimmt, dass sie manchmal ein bisschen brauchen, um zu blicken, dass das neue Rotkehlchen, das da grade in ihr Revier gekommen ist, eine Dame mit Fortpflanzungsabsichten ist.

Gut, dass die jungen Rotkehlchen noch keine rote Kehle haben. Die bekommen sie erst später, wenn sie das Revier der Eltern längst verlassen haben. Sicher ist sicher.

Legendär

Eine Legende besagt, dass das Rotkehlchen seine rote Brust bekam, als es dem gekreuzigten Jesus beistand und einen Dorn herauszog. Da diese Geschichte nicht ordentlich belegt und wissenschaftlich nicht haltbar ist, haben sich britische Verhaltensbiologen noch einmal mit der genauen Funktion der roten Brust beschäftigt. Sie fanden dabei heraus, dass sie allein zur Abwehr von Reviereindringlingen eingesetzt wird. Nicht sehr christlich.

Warum das Rotkehlchen aber trotzdem der ultimative Weihnachtsvogel ist, erfährst du →hier.

Revierverteidigung

Wenn die akustische Grenzzaunsteckung nicht ausreicht, präsentieren sie Eindringlingen zur Warnung ihre rote Brust. Genau dafür ist die nämlich da: zur Einschüchterung der Gegner. Das Rotkehlchen starrt den Eindringling an und richtet seinen spitzen Schnabel auf ihn aus. Furchteinflößend. Wer diese Warnung ignoriert, wird heftig attackiert. Diese Kämpfe können auch mal tödlich enden. Dann sind sie sehr aggressiv, wirklich nicht zimperlich und gar kein bisschen niedlich.

Kompassauge

Rotkehlchen waren die ersten Vögel, mit deren Hilfe nachgewiesen werden könnte, dass sich Vögel am Magnetfeld der Erde orientieren. Sie haben einen Magnetkompass, der sich bei erwachsenen Rotkehlchen im rechten Auge befindet. Der funktioniert aber nicht wie einer unserer Kompasse und zeigt immer nach Norden, sondern die Vögel können damit das Magnetfeld der Erde bildhaft wahrnehmen (also sehen) und sich daran orientieren. Wissenschaftler*innen haben herausgefunden, dass Jungvögel noch in beiden Augen Magnetkompasse haben. Vermutlich verlagert sich der Orientierungssinn bei erwachsenen Vögeln auf ein Auge, damit das zweite Auge frei für andere Sinneseindrücke ist.

Insektenfresser

Rotkehlchen sind eigentlich Insektenfresser. Das erkennst du auch schön am Schnabel. Im Winter ernähren sie sich zum Teil aber auch von Beeren oder Äpfeln und picken den Talg auf, den andere Vögel am Futterhäuschen herunterfallen lassen. So ganz ohne Insektennahrung würden sie den Winter aber nicht überstehen. Daher ziehen viele vor allem im Nordeuropa beheimatete Rotkehlchen bis an die afrikanische Mittelmeerküste. Auch unsere mitteleuropäischen ziehen oft und deshalb ist das Rotkehlchen in deinem Garten höchstwahrscheinlich nicht ständig dasselbe.

Gefiederpflege

Das wichtigste, was ein Vogel besitzt, sind ja seine Federn, klar. Daher müssen die auch gründlich gepflegt werden. Das Rotkehlchen ist dabei besonders engagiert. Es nimmt tägliche Wasser-, Sand- und Sonnenbäder. Aber das genügt ihm noch nicht als Hygienemaßnahme. Immer wieder landet es zwischendurch mal auf einem Ameisenhaufen, schnappt sich eine der Ameisen mit dem Schnabel und zieht sie durch seine Federn. Die Ameise verspritzt dann ärgerlich eine ätzende Flüssigkeit und die tötet Parasiten wie Milben ab. Diese Pflegeprozedur nennt man einemsen.

Gesangstalent

Rotkehlchen singen das ganze Jahr über: melancholisch, wehmütig, perlend, feierlich, abwechslungsreich. Und sie sind auch in der Dunkelheit der Nacht zu hören. So ab ungefähr eine Stunde vor Sonnenaufgang bis zu einer Stunde nach Sonnenuntergang. So ein Revier muss schließlich verteidigt werden. Ihr Reviergesang ist dabei auch äußerst vielseitig. Ihr Repertoire umfasst unglaubliche 275 Variationen. Da ihre Laute so facettenreich sind, ist es etwas schwieriger, die Gesänge erkennen zu lernen. Da Rotkehlchen aber allgegenwärtig und oft zu hören sind, lohnt sich diese Mühe aber auf jeden Fall.

Gesang eines Rotkehlchen Tver-Region, Russland, aufgenommen von Vladimir Yu. Arkhipov, Arkhivov, CC BYSA 3.0

Wenn du den Gesang des Rotkehlchens und noch vieler anderer Standvögel kennenlernen willst, komm zum →Vogelstimmen Bootcamp! Da machen wir dich fit für das große Frühlingskonzert der Vögel.