Rotkehlchen: niedlich, biestig, talentiert

Rotkehlchen gehören mit zu den beliebtesten Vögeln in Deutschland. Durch ihr markantes Äußeres mit der orange-roten Brust sind sie leicht zu erkennen. Kein anderer Vogel ziert hierzulande so viele Tassen, Postkarten und Kinderkleidung wie das Rotkehlchen. Aber was wissen wir über das nette Vögelchen in unserem Garten, außer, dass es so süß ist? Hier einmal ein kleines Update:

Gefiederpflege

Das wichtigste, was ein Vogel zum Fliegen besitzt, sind seine Federn, klar. Daher muss er sie gründlich pflegen. Das Rotkehlchen ist dabei besonders engagiert. Tägliche Wasser-, Sand- und Sonnenbäder genügen ihm als Hygienemaßnahmen nicht. Es landet auf einem Ameisenhaufen, schnappt sich eines der Insekten und zieht es durch seine Federn. Die Flüssigkeit, die die Ameise dann ärgerlich verspritzt, tötet Parasiten wie Milben ab. Diese Pflegeprozedur nennt man einemsen.

Revierverteidigung

Männliche Rotkehlchen beziehen ihre Reviere bereits im Spätherbst. Daher singen sie auch und vor allem im Winter, um das Revier zu markieren. Eindringlingen präsentieren sie zur Warnung ihre rote Brust. Wer diese Warnung ignoriert, wird heftig attackiert. Und wenn ich heftig sage, meine ich wirklich heftig: Die Kämpfe können sogar tödlich enden.

Legendär

Eine Legende besagt, dass das Rotkehlchen seine rote Brust bekam, als es dem gekreuzigten Jesus beistand und einen Dorn herauszog. Da diese Geschichte nicht ordentlich belegt und wissenschaftlich nicht haltbar ist, haben sich britische Verhaltensbiologen noch einmal mit der genauen Funktion der roten Brust beschäftigt. Sie fanden dabei heraus, dass sie allein zur Abwehr von Reviereindringlingen eingesetzt wird. Nicht sehr christlich.

Kompassauge

Wie viele andere Vögel auch orientiert sich das Rotkehlchen am Magnetfeld der Erde. Sein Magnetkompass befindet sich im rechten Auge. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Jungvögel noch in beiden Augen Magnetkompasse haben. Vermutlich verlagert sich der Orientierungssinn bei erwachsenen Vögeln auf ein Auge, damit das zweite Auge frei für andere Sinneseindrücke ist.

Insektenfresser

Rotkehlchen sind eigentlich Insektenfresser. Im Winter ernähren sie sich zum Teil aber auch von Beeren oder Äpfeln und picken den Talg auf, den andere Vögel am Futterhäuschen herunterfallen lassen. So ganz ohne Insektennahrung würden sie den Winter aber nicht überstehen. Daher ziehen viele vor allem im Nordeuropa beheimatete Rotkehlchen bis an die afrikanische Mittelmeerküste. Unsere mitteleuropäischen sind zumeist Standvögel.

Gesangstalent

Rotkehlchen singen nicht nur das ganze Jahr über und sind auch nachts zu hören, sie sind dabei auch äußerst vielseitig. Ihr Repertoire umfasst unglaubliche 275 Variationen. Anders als bei vielen anderen Singvögeln singen bei den Rotkehlchen auch die Weibchen, wenn auch etwas leiser und kürzer als die Männchen. Da ihre Laute so facettenreich sind, ist es etwas schwieriger, die Gesänge erkennen zu lernen. Da Rotkehlchen aber allgegenwärtig und oft zu hören sind, lohnt sich diese Mühe aber auf jeden Fall.

Gesang eines Rotkehlchen Tver-Region, Russland, aufgenommen von Vladimir Yu. Arkhipov, Arkhivov, CC BYSA 3.0

Beobachtungstipps

Rotkehlchen sind etwas pummelig und wirken kugelförmig. Auf ihren dünnen langen, schräg angesetzten Beinchen stehen sie aber trotzdem sehr erhaben. Dadurch unterscheiden sie sich deutlich von Gartenrotschwänzen, die zwar auch eine rote Brust, jedoch ebenfalls einen roten Bauch haben. Aber eigentlich sind Rotkehlchen unverwechselbar. Sie leben an Waldrändern, aber auch gerne in Gärten und Parks. Am Boden bewegen sie sich hopsend fort. Sie haben eine kurze Fluchtdistanz, sind neugierig und mutig, fast zutraulich. Mit etwas Geduld lassen sie sich auch aus der Hand füttern.

Leseempfehlung

Noch nicht genug vom Rotkehlchen? Weitere spannende Geschichten und Informationen findest du im Blog der Wildnis Botin. Die kennt sich mit dem Rotkehlchen übrigens auch besonders gut aus, denn es ist ihr Wappentier.