Ist die Nilgans invasiv?

Die Nilgans ist mit ihrem bunten Äußerem für viele Menschen noch immer ein ungewöhnlicher Anblick in Parks und auf Gewässern in Deutschland. Doch sie hat sich inzwischen als Brutvogel in vielen Regionen Europas etabliert – sehr zum Ärger einiger besorgter Menschen, denn die Nilgans gilt als laut und äußerst aggressiv. Doch stimmt das überhaupt? Und wie kam diese Halbgans überhaupt zu uns? Und stellt sie wirklich eine Bedrohung für die heimischen Vögel dar? In diesem Beitrag werfen wir einen differenzierten Blick auf die Nilgans und klären, ob sie wirklich eine invasive Art ist.

Wie die Nilgans nach Europa kam

Wie ihr Name vermuten lässt, stammt die Nilgans tatsächlich ursprünglich aus Afrika. Sie kommt dort allerdings nicht nur am Nil vor, sondern fast überall südlich der Sahara. Seit Anfang des 18. Jahrhundert wurde sie in Europa und ganz besonders in Großbritannien als Dekovogel in Parks und Gärten gehalten. Aber wie das nun mal so ist, wenn wir versuchen Vögel einzusperren: Einige Nilgänse entkamen und bildeten in Großbritannien bereits seit Ende des 18. Jahrhunders frei lebende Populationen. Die hielten sich seitdem über die Jahrhunderte stabil.

Die Nilgänse, die heute in Mitteleuropa leben, stammen von Artgenossinnen ab, die in den Niederlanden in Gefangenschaft lebten. Erst seit den 1970er Jahren breiteten sie sich in Blitzgeschwindigkeit entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse bis in die Schweiz aus. In Deutschland gibt es inzwischen aus allen Bundesländern Brutnachweise.

Außerhalb Europas und Afrikas kommen auch in einigen Bundesstaaten den USA sowie in Neuseeland, Australien, Israel und am Persischen Golf Nilgänse vor.

Lebensweise der Nilgans

Die Nilgans ist das ganze Jahr über bei uns. Sie ist anpassungsfähig, robust und kommt mit verschiedenen Lebensräumen klar, solange dort eine Wasserfläche mit ein paar Bäumen ist. Auch kalte Winter können ihr nichts anhaben. Sie bevorzugt Gewässer mit offenen Uferbereichen, doch auch städtische Parks und Flüsse bieten ihr oft genug Nahrung und Brutplätze.

Nilgänse ernähren sich hauptsächlich pflanzlich. Gräser und Blätter sind ihre Hauptnahrung. Wenn dazwischen mal ein Regenwurm oder eine Heuschrecke ist, findet sie das auch in Ordnung.

Auch bei der Nistplatzwahl sind Nilgänse flexibel: Sie brüten im Schilf, aber auch zwischen Steinen. Außerdem nutzen sie Baumhöhlen oder große Nester anderer Vogelarten wie Greifvögel, Krähenvögel oder Graureiher.

Während der Brutzeit verteidigen Nilgänse ein Revier – und genau das wird ihnen zum Verhängnis: Ihnen wird nachgesagt, dass sie sehr aggressiv seien und mit ihrem Selbstbewusstsein andere Vogelarten stören und negativ beeinflussen. Doch stimmt das?

Invasiver, aggressiver Neozon – stimmt das?

Ist die Nilgans ein Neozon?

Als ein Neozon werden Tiere bezeichnet, die nach 1492 neu in ein Gebiet kamen, in dem sie zuvor nicht heimisch waren – und zwar nicht aus eigener Kraft, sondern mit Hilfe des Menschen. Als „etabliert“ gelten sie, wenn sie sich dann ohne Einfluss des Menschen selbstständig über mehrere Generationen erhalten können. Beides trifft auf die Nilgans zu: Sie ist ein etablierter Neozon.

Ist die Nilgans invasiv?

Die Antwort auf diese Frage scheint genauso schnell zu beantworten: Die Nilgans wird seit 2017 auf der sogenannten „Unionsliste“ der EU als invasive Art gelistet. Für die Nilgans gilt nun wie für die anderen Arten auf der Liste ein Verbot von Einfuhr, Haltung, Zucht, Transport, Erwerb, Verwendung, Tausch und Freisetzung. Ihre Verbreitung soll überwacht und gegebenenfalls „gemanaged“, also eingeschränkt werden.

Um als invasive Art zu gelten, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein:

  1. Die neue Art muss das Potential für eine Ausbreitung über große Gebiete besitzen (check für die Nilgans) und
  2. gleichzeitig das Potential für die Verursachung erheblicher ökologischer oder ökonomischer Schäden aufweisen.

Gründe für diese Einstufung der Nilgans als „invasiv“ sind ihre angebliche Konkurrenz mit anderen Arten und ihre vermutete Aggressivität gegenüber anderen Vögeln. Das konnte jedoch nicht objektiv bewiesen werden, im Gegenteil:

Die wissenschaftliche Forschung, die es dazu in Deutschland bisher gibt, deutet jedoch darauf hin, dass sich die Nilgans ohne nachweisbare negative Effekte auf andere Arten in neuen Gebieten ansiedelt.

Die Forschungslage

Eine Studie von 2021 verglich das aggressive Verhalten von Nilgänsen mit dem der einheimischen Graugans in Parks in Stuttgart. Bei beiden Arten bestand die Aggression hauptsächlich aus Drohgebärden wie gestrecktem Hals und sehr gelegentlichem Fauchen. Die bedrohten Vögel mieden die Angreiferin meist und gingen dem Kampf aus dem Weg. Nur in 0,4 – 2,4 Prozent der Fälle kam es überhaupt zu einem Kampf.

Nilgänse hatten in den beobachteten Gebieten zwar häufiger Streit untereinander als Graugänse. Die Häufigkeit der Aggressionen gegenüber anderen Arten unterschied sich jedoch nicht zwischen Grau- und Nilgänsen. Allerdings waren unterschiedliche Arten betroffen: Gräugänse gingen am häufigsten auf Nilgänse los und Nilgänse attackierten Stockenten.

Eine frühere Studie aus Frankfurt stellte bereits 2011 dar, dass die Aggressionsbereitschaft von Nilgänsen von der Vogeldichte am Gewässer und nicht vom jeweiligen Futterangebot abhängt. Auch hier betrafen Attacken von Nilgänsen fast nur Stockenten. Dabei starben auch mal Stockentenküken. Reiherenten und Teichhühner mit ihren Jungen wurden hingegen nicht attackiert.

Interessanterweise liegt unser Fokus sowohl beim Ruf nach Verfolgung als auch bei der Forschung im städtischen Bereich. Dieses künstliche, enge Zusammenleben zeigt aber nicht das normale Zusammenleben von Vögeln. Die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) weist darauf hin, dass „in Naturschutzgebieten keine Beeinträchtigungen anderer Arten durch Nilgänse dokumentiert wurden.“ Auch im Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried, wo zeitweise mehrere hundert Nilgänse rasten, seien keine Störungen und Beeinträchtigungen anderer Arten durch Nilgänse bekannt.

Fazit

Ihr auffälliges Verhalten und ihre Aggressivität gegenüber anderen Wasservögeln haben ihr den Ruf eingebracht, ein Störfaktor zu sein. Doch Studien zeigen, dass der Einfluss der Nilgänse auf heimische Arten geringer ist als oft angenommen. Nilgänse verteidigen ihre Brutplätze zwar energisch, verdrängen jedoch keine Arten dauerhaft.

Der schlechte Ruf der Nilgänse basiert auf Hörensagen und subjektiven persönlichen Beobachtungen. In der Tagespresse wird – besonders im Sommerloch – gerne von den fiesen, aggressiven Nilgänsen berichtet, die andere Arten terrorisieren und aus ihren Nestern vertreiben.

Merkwürdigerweise wird nicht von Kuckucken berichtet, die Eier aus fremden Nestern werfen oder von Menschen, die Schwalbennester zerstören, Blaumeisenküken mit Bauschaum in ihren Bruthöhlen einsperren oder Hunde durch Gelege von Strandregenpfeifern, Rebhühnern oder Höckerschwänen laufen lassen. Auch regen wir uns nicht über Rotkehlchen, Amseln oder Blesshühner auf, die ebenfalls sehr territorial sind.

Dass grade bei neuen Arten mit zweierlei Maß gemessen wird, ist scheinheilig. Dass Nilgänse mit ihrem „Selbstbewusstsein“ einheimische Arten stärker stören als jede andere territoriale Art in der Brutzeit, ist ein Gerücht, das sich aus verschiedenen menschlichen Faktoren nährt, wie:

  • unserem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber allem Fremden,
  • dem Enthusiasmus und der hervorragenden Lobbyarbeit der Jagdverbände, die stets daran interessiert sind, eine weitere Art töten zu dürfen und so ihren Sonderstatus in der Gesellschaft zu rechtfertigen,
  • unserer persönlichen Betroffenheit: Wir fühlen uns von ihr bedroht, weil sie uns gegenüber ihr Nest oder ihren Nachwuchs verteidigt, wenn wir ihnen zu nahe kommen,
  • unserem Fokus auf leicht Sichtbares. Durch ihre Größe und ihren hohen Wiedererkennungswert fallen Nilgänse auch einem durchschnittlichen Parkbesuchendem auf, der ihr gut sichtbares Verhalten eher zur Kenntnis nimmt als das einer Heckenbraunelle,
  • unserer Ignoranz gegenüber den wirklichen Zusammenhängen in einem Ökosystem.

Anstatt die Nilgans als invasive Art zu stigmatisieren, sollten wir sie als Teil unserer neuen ökologischen Realität betrachten und uns auf den wahren Verursacher von Artenschwund und Lebensraumverlust unserer heimischen Vögel konzentrieren: den Menschen mit seiner intensiven Landwirtschaft.

Hast du schon mal Nilgänse beobachtet? Erzähl doch mal davon in den Kommentaren ⬇️

Dieser Blogpost entstand im Rahmen der Blognacht von Anna Koschinksi zum Thema „Nicht schon wieder“.

„Nicht schon wieder!“ – denn ich begegne oft Vorurteilen über die Nilgans. Und über Rabenvögel. Aber ist bei denen was dran? Hör dir dazu mein Gespräch mit der Saatkrähenexpertin Dr. Uta Jürgens an oder erfahre hier, was der Unterschied zwischen Rabe und Krähe ist und wie du all die schwarzen Rabenvögel besser unterscheiden kannst. Und warum sind Rabenvögel eigentlich so cool? Die Antwort gibt’s hier.

Quellen

Studie: Rieke Hohmann, Friederike Woog: How aggressive are Egyptian Geese Alopochen aegyptiaca? Interactions with Greylag Geese Anser anser and other birds in an urban environment. Wildfowl, [S.l.], November 2021, Seite 234–243. ISSN 2052-6458.

Bienvenu Kenmogne, Werner Schindler: Das Aggressionsverhalten der Nilgans (Alopochen aegyptiacus) und dessen Auswirkung auf andere Wasservogelarten im Stadtgebiet von Frankfurt am Main. Vogel und Umwelt 2011/19, Hefte 1–3: 67–180.

Oliver Conz, Stefan Stübing: Fremd in Hessen? (Nilgans – zu Unrecht am Pranger) HGON Mitgliederinfo 12 2017, Seite 22 – 24.

aktualisiert:
21. Nov. 2025

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon als Kind interessierte sich Silke Hartmann für Vögel, aber kannte lange niemanden, der diese Begeisterung teilte. Um Gleichgesinnte zu finden, ging sie ins Internet und merkte schnell, dass es vielen Menschen so geht wie ihr früher. Deshalb gibt sie jetzt ihr Vogelwissen und ihre Begeisterung in Onlinekursen, ihrem Podcast „Vögel, aber cool!“, ihrem Blog und auf Instagram weiter. Ihr erstes Buch „Die Superkräfte der Vögel“ wurde zum „Wissensbuch des Jahres 2024“ gewählt. Ihr zweites Buch „Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel“ richtet sich an Kinder ab 7 Jahre.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Wissensbuch des Jahres 2024: „Die Superkräfte der Vögel“

„Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel“ – Mein neues Vogelbuch für Kinder ab 7

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2 Kommentare

  1. Hallo Silke
    Grundlegend mag ich alle Tiere oder Vögel. Auch die Nilgans bis anhin 🙂
    Diesen Sommer habe ich eine Nilgans beobachtet welche beim Grasen war,- diese dann völlig grundlos aufflog und etwas weiter dann Stockenten aufscheuchte und von ihrem Platz vertrieb. Sie selber ist aber dann wieder auf ihren alten Platz geflogen um weiter zu grasen.
    Ich bin halt da schon auch der Meinung das man diese Art etwas „in Schach“ halten sollte.
    Grüessli Babsy

    Antworten
    • Hallo Barbara,
      QED. Danke für diese Anekdote.
      Du hast recht: Grundlos Vögel aufzuscheuchen geht gar nicht. Wenn wir schon mal dabei sind, lass uns dann bitte auch gleich noch die Amseln, Buntspechte und vor allem Rotkehlchen in Schach halten, die bei meiner Mutter am Futterhäuschen die anderen Vögel vertreiben. Und wenn wir grade schon dabei sind, sollten wir auch dringend die Hunde und Spaziergehenden in Schach halten, die die Vögel bei ihren Winterrasten stören.
      Wenn schon, denn schon 😉
      Viele Grüße zurück
      Silke

      Antworten

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  1. Blognacht Vol. 62: Verdrehte Augen - […] Und dann ist da noch Silke Hartmann, die Vogelguckerin, die auch schon lange nicht mehr bei der Blognacht dabei…

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