Meine Hybridente: Wie ich mit einer Zufallsichtung in einem Fachartikel landete

Diese Geschichte möchte ich schon ganz lange erzählen. In meinem Rückblick zum meinem Vogelmonat Mai 2023 habe ich sie schon mal angerissen und sogar live im Radio davon erzählt. Aber was sie bedeutet und was sie mir bedeutet, ist dabei untergegangen. Jetzt ist also der Moment gekommen, in dem ich sie erzähle: Dies ist die Geschichte davon, wie ich morgens durch mein Fernglas schaute und mit meiner Sichtung anderthalb Jahre später in einem Fachartikel landete. Wir gehen rein:

Eine Ente, die in keine Schublade passte

Es war am 29.05.2023. Das war – wie ich extra nochmal nachgeschaut habe – Pfingstmontag (das hatte ich nämlich nicht in meine Sichtungsliste vermerkt). Ich war morgens zu einer Vogelrunde am Göttinger Kiessee spazieren. Das war zu der Zeit eins meiner üblichen Reviere und da es eine der wenigen Wasserflächen in Südniedersachsen ist, ist dort immer mit Überraschungen zu rechnen.

Es war noch ein bisschen frisch und ich schon halb um den See herum spaziert. Gegen 9:15 schaute ich von einer Stelle, von der man einen guten Blick auf die Wasserfläche hat, mit meinem Fernglas über den See und erspähte die üblichen Verdächtigen: Graureiher, Graugänse, Nilgänse, Blesshühner, Stockenten, Reiherenten. So weit, so normal.

Doch dann stutzte ich, weil ich eine Ente nicht sofort zuordnen konnte. Sie sah nicht nach Stockente aus, obwohl sie grün am Kopf war, nicht nach Reiherente, obwohl sie mit denen schwamm. Krickentenerpel war am wahrscheinlichsten, aber dafür hatte sie irgendwie die falsche Form.

Ich schaute im Meldeforum nach, ob jemand etwas Besonderes gemeldet hatte. Denn schließlich ist dieser See ein Hotspot für die zahlreichen Vogelfans der Umgebung und gehört höchstwahrscheinlich mit zu den am besten ornithologisch überwachten Gewässern Deutschlands. Aber nein, es war nichts Ungewöhnliches zu finden.

Ich machte ein paar Fotos und war mir bald ziemlich sicher, dass es sich um einen männlichen Hybriden im Prachtkleid handeln musste. Aber welche Arten da zusammengekommen waren, konnte ich nur raten. Hybridenten zu bestimmen ist nämlich gar nicht so einfach.

Die Sache mit den Hybriden

Ein Hybrid ist der Nachkomme von Eltern, die zu verschiedenen Arten gehören.

Bei den Vögeln wurden bisher Hybriden in ca. 4000 Artkombinationen nachgewiesen, wobei es sich bei ungefähr der Hälfte der Fälle um Hybriden handelt, die in Menschenobhut entstanden, die Vögel also keine echte Wahl hatten. Die tatsächliche Anzahl der Artkombinationen wird weit höher eingeschätzt, da Hybriden teilweise schwer zu erkennen sind.

Wenn du mal schauen willst, welche Vielfalt dabei herauskommt, schau mal in diese international Fotosammlung mit "Hybrid Birds".

Hybriden haben unter Vogelfans einen etwas zwiespältigen Ruf. Viele traditionelle Ornis rümpfen bei ihnen die Nase. Man kann sie auf keiner Artenliste abhaken. Sie zählen nicht „richtig“. Ich habe sogar schon mal jemanden das alte Nazi-Wort „entartet“ zu einem Vogelhybriden sagen gehört.

Ich hingegen finde sie total spannend, weil keine Hybridente der anderen gleicht. Jede ist ein Einzelstück sozusagen. Und jede ein kleines Rätsel, das sich mir stellt. Und ich liebe es, Sherlockmäßig zu deduzieren und möglichst jedes Rätsel zu lösen.

Warum es bei Enten so oft Hybride gibt

Gerade zwischen Gänsen und Enten entstehen relativ häufig Hybride. Das hat verschiedene Gründe:

1. Enten sind oft eng verwandt

Viele Entenarten gehören innerhalb der Familie der Entenvögel zu recht nah verwandten Gruppen. Ein Beispiel sind die Gründelenten wie die Krickente oder die Stockente – und die Tauchenten wie die Reiherente.

Je näher Arten miteinander verwandt sind, desto eher kann es passieren, dass sie gemeinsam Nachkommen bekommen, die dann sogar selbst fruchtbar sein können.

2. Enten sind offen

Gerade bei Enten kommt es vor, dass Männchen während der Balz sehr „engagiert“ sind und sich auch für Weibchen anderer Arten begeistern können. Und die Weibchen denken sich dann vielleicht: „Och, warum nicht?“. Oft ist auch ihre Balz und sonstige Kommunikation noch sehr ähnlich, so dass sie sich auch über Artgrenzen hinweg „verstehen“.

Wenn eine Art am Gewässer selten ist oder das Geschlechterverhältnis nicht ausgeglichen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei unterschiedliche Arten verpaaren.

3. Enten teilen denselben Lebensraum

Wasserflächen ist Sammelpunkte und unterschiedliche Arten kommen dort auf relativ kleiner Fläche zusammen, auch auf dem Zug. Sie schwimmen nebeneinander und balzen nebeneinander. So steigen die Chancen auf artübergreifende Verpaarung.

Ein zusätzlicher Gänsegrund

Bei Gänsen kommt spannenderweise noch hinzu, dass Gänseweibchen immer mal wieder Eier in fremde Nester legen. Dabei erwischt sie auch immer mal ein Nest einer anderen Art. Die Gänseküken wachsen dann mit ihren anders aussehenden Geschwistern zusammen auf und werden so auf die andere Art geprägt. Kein Wunder, dass sie sich bei der Paarung dann auch eher für Individuen dieser Art interessieren.

Ich brauchte Hilfe und bekam sie

Zuhause schickte ich die Fotos in unsere lokale Orni-Gruppe und bat bei der Bestimmung um Hilfe. Es gab ein paar Spekulationen, was es sein könnte, aber niemand war sich sicher. Aber ich bekam einen guten Tipp, an wen ich mich wenden könnte: Jörn Lehmhus. Der kennt sich mit Hybriden aus. Also schickte ich ihm meine Bilder und erzählte kurz, was ich beobachtet hatte.

Er schrieb mir erstaunlich schnell zurück und bestimmte die Ente als einen Hybrid aus Reiherente und Krickente. Und das ist doch mal echt ungewöhnlich, denn es handelt sich dabei um eine Mischung aus einer Tauch- und einer Gründelente.

Ein Hybrid aus Reiherente und Krickente ist deshalb so spannend, weil hier zwei unterschiedliche ökologische Gruppen aufeinandertreffen:

  • Die Reiherente ist eine Tauchente: Sie verschwindet bei der Nahrungssuche komplett unter Wasser.
  • Die Krickente ist eine Gründelente: Sie kippt nur vornüber und „gründelt“ (Stichwort: „Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh“)

Dass sich Vertreterinnen dieser beiden Gruppen verpaaren, ist ziemlich selten, weil sie quasi zwei unterschiedliche „Enten-Lebensstile“ haben.

Wie aus meiner zufälligen Beobachtung ein Fachartikel wurde

Die Hybrid-Ente blieb einige Tage auf dem See, so dass auch andere Ornis sie noch sehen konnten. Ich hatte sie mir also nicht eingebildet und auch nicht ein bisschen gephotoshopt (KI-generierte Fotos gab es damals noch nicht – hach, die gute alte Zeit).

Einige Monate später meldete sich Jörn Lehmhus noch einmal bei mir. Er fragte, ob er die Fotos, die ich ihm geschickt hatte, in einem Fachartikel veröffentlichen dürfe und mich dabei als Erstsichterin nennen dürfte. Natürlich durfte er.

Der Artikel erschien schließlich in der Zeitschrift AVES Braunschweig (15, 2024, Seite 28–30). Jörn Lehmhus dokumentierte damit – höchstwahrscheinlich – zum ersten Mal diese Mischung aus Reiherente und Krickente.

Und zack war aus meiner zufälligen Beobachtung ein Beitrag zur Wissenschaft geworden. Und ich zu einer dokumentierten Erstsichterin.

Natürlich weiß ich, dass Hybride keinen eigenen wissenschaftlichen Namen bekommen. Aber falls sich das mal ändern sollte und jemand diese Hybridform benennen will, stelle ich meinen Namen gerne zur Verfügung. Wie wäre es mit Aythyanas hartmannae? Das ist eine Mischung aus Aythya (Reiherenten), Anas (Gründelenten) und natürlich mir. Klingt doch sehr überzeugend, oder?

Und wie cool ist das denn bitte grundsätzlich, dass man auch heutzutage immer noch Neues in der Vogelwelt entdecken kann, selbst wenn man nicht in einem Projekt forscht? Ich finde das großartig und es ist nur einer der Gründe, warum ich weiterhin die Augen offen halten werde.

Noch etwas hat diese Geschichte wieder gezeigt: Es lohnt sich die Normalos ganz genau zu kennen und immer wieder anzuschauen. Erstens natürlich, weil einem so Ungewöhnliches schneller auffällt. Und zweitens: Diese Hybridente schwamm in einer Gruppe Reiherenten. Hätte ich einfach nur „Ach, nur Reiherenten“ gedacht und schnell weiter geguckt, wäre mir meine Hybridente vielleicht gar nicht aufgefallen. Und genau deshalb gibt es den Vögel-entdecken-Kurs. Darin lernst du keine seltenen Exoten kennen, sondern die häufigen Arten in deiner Umgebung. Und wenn du die gut kennst, springen dir auch Ausnahmen sofort ins Auge. Hier findest du alle Infos zum Kurs.

von Silke Hartmann | 30. Juli 2026 | Tagebuch, Vogelwissen

bearbeitet am 27. Juli 2026

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon als Kind interessierte sich Silke Hartmann für Vögel, aber kannte lange niemanden, der diese Begeisterung teilte. Um Gleichgesinnte zu finden, ging sie ins Internet und merkte schnell, dass es vielen Menschen so geht wie ihr früher. Deshalb gibt sie jetzt ihr Vogelwissen und ihre Begeisterung in Onlinekursen, ihrem Podcast "Vögel, aber cool!", ihrem Blog und auf Instagram weiter. Ihr erstes Buch "Die Superkräfte der Vögel" wurde zum "Wissensbuch des Jahres 2024" gewählt. Ihr zweites Buch "Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" richtet sich an Kinder ab 7 Jahre.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein 1. Buch: "Die Superkräfte der Vögel"

"Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel" – Mein Vogelbuch für Kinder ab 7

Die neuesten Beiträge:

Lust auf mehr? Hol dir meinen Newsletter und hebe ab in die Wunderwelt der Vögel.

Das war cool? Dann lies gleich weiter:

Beteilige dich am Gespräch:

0 Kommentare

Kommentar Schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert