Wie ich zur Vogelguckerin wurde

Als ich an einem frühen Novembermorgen gegen Ende des letzten Jahrtausends das Licht der Welt erblickte, hat noch niemand ahnen können, was mal aus mir werden würde. Wie auch? Das Internet war zwar schon erfunden, aber die Menschen in dem stolzen nordhessischen Fürstentum meiner Heimat benutzten noch Telefone mit Wählscheiben. Dass ihr jetzt diesen Text in einer kleinen Flimmerkiste lesen könnt, grenzt an ein Wunder. Einerseits an ein völlig rational-erklärbares technisches Wunder, zugegeben. Es ist aber auch das Wunder des Lebens, das mich zur Vogelguckerin gemacht hat. Ich werde oft gefragt, wie es dazu kam, dass ich Menschen für Vögel begeistern möchte. Dies ist meine Geschichte:

Wie alles begann

Wann genau meine eigene Vogelliebe anfing, weiß ich nicht. Vielleicht war sie schon immer da. Schließlich war das Lieblingslied meiner großen Schwester „Die Vogelhochzeit“ – und das sangen wir wirklich oft! Auch in meiner Kinderbibliothek standen Bücher wie „Zizzi, der kleine Zaunkönig“ und „Die Waldschule“, in die natürlich nur Vögel gingen.

Ich weiß auch noch (und familiäre Quellen bestätigen diese Erinnerung), dass ich mir schon als Kind auf Spaziergängen gerne die Schautafeln mit den Vögeln des Waldes anschaute. Natürlich hoffte ich insgeheim, irgendwann mal einem dieser spannend aussehenden Vögel zu begegnen: einem Buntspecht vielleicht oder einem Kleiber. Aber so ganz glaubte ich nicht daran. Ich stellte mir einen Buntspecht etwa katzengroß vor und so einer wäre mir doch sicher aufgefallen, wenn ich dem schon einmal begegnet wäre. Außerdem schien niemand in meiner Familie jemals etwas anderes als eine Meise oder eine Amsel gesehen zu haben. Warum sollte dann ausgerechnet ich …?

Buntspechte kannte ich auch aus dem Sachkundeunterricht. Die Tatsache, dass er Löcher in Bäume hämmern konnte, machte es für mich noch unwahrscheinlicher, jemals einen zu sehen. Schließlich hatte ich auch solche Löcher noch nie gesehen. Überhaupt war der Wald mir fern und alleine hingehen durfte ich natürlich sowieso nicht. Es half auch nicht, dass Vögel in Tierdokus vorkamen, in denen auch Elefanten und Löwen mitspielten.

Vögel erschienen mir unerreichbar.

Okay, DIESE beiden Vögel waren mir in meiner Kindheit ganz nah. Ich weiß noch, wie sehr es gekitzelt hat, beide auf meinem Kopf herumtrippeln zu haben. (Ein Polaroid aus der Zeit, als gelb noch meine Lieblingsfarbe war. Man beachte das passende Fensterbild an der Wand.)

Wie es weiterging

Als ich älter wurde, ließ mein grundsätzliches Interesse für Vögel nicht nach, es schlummerte aber viele Jahre knapp unter der Oberfläche. Während meines Studiums in Irland traf ich Wendy, eine vogelbegeisterte Südafrikanerin. Sie hielt einen Vortrag in meiner Gemeinde. Dabei erzählte sie davon, dass man Vögel nie wieder nicht sehen könne, wenn man einmal gelernt habe, sie zu sehen, und dass man damit nie fertig werden würde, weil es immer mehr zu lernen und zu entdecken gäbe. Das machte mir Mut. Ich musste also gar nicht alles wissen, bevor ich anfangen durfte, Vögel zu sehen. Sie behauptete, Vögel seien überall.

Und tatsächlich: Am nächsten Morgen sah ich etwas gefiedertes Braunes vorbeiwuseln. Kurze Zeit später entdeckte ich auf dem Campus große schwarze Vögel in den Bäumen sitzen. (Fun Fact: Inzwischen verstehe ich, dass diese Rabenkrähen mitten im Winter direkt am Campus ihren gut beleuchteten Schlafplatz hatten) Es passierte, was Wendy vorausgesagt hatte. Es gab immer mehr Vögel in meiner Welt: die Enten im Kanal, das Piepsen hinter der hohen Betonmauer im Nachbargarten, das Huschen in der Hecke und immer wieder diese großen schwarzen Vögel.

Vorhang auf!

Insgesamt waren meine Fortschritte quälend langsam. Bis die Vögel Namen bekamen und ich sie erkannte, dauerte es noch ewig. Aber im Laufe der folgenden Jahre habe ich mir selbst beigebracht, Vögel zu sehen – und sie haben mein Leben verändert. Eine grüne Wiese ist jetzt nicht mehr nur eine grüne Wiese, sondern ich sehe ringsum Vögel durch die Büsche turnen und höre sie in der Umgebung zwitschern, tschilpen und schwatzen. Es ist, als sei da ein weiteres Realitätslevel freigeschaltet worden. Vögel haben meine Welt größer, bunter und lebenswerter gemacht.

Mit dem Sehen wuchs meine Neugier und ich fing an, Vogelbücher zu lesen. Je mehr ich über Vögel weiß, desto mehr staune ich über das, was sie tun, können, sind. Und ich liebe es zu staunen! Wenn ich genau hinschaue, entdecke ich an jeder Vogelart etwas Spannendes. Noch immer finde ich eine alltägliche Blaumeise oder eine braune Heckenbraunelle genauso spannend wie einen knallbunten Bienenfresser oder einen bei uns raren Graubrust-Strandläufer.

Die Vogelguckerin Silke Hartmann sitzt auf einer Betonbrücke an einem See.

Mein Mittel gegen die Einsamkeit

Trotz all der wunderbaren Wesen, die plötzlich in meinem Leben waren, gab es etwas, das nie von alleine kam: andere Menschen, die sich für Vögel begeistern. Zumindest nicht so, wie ich das tue. Zugegeben: Ich traf Menschen (let’s be honest here: hauptsächlich Männer), die sich auch für Vögel interessieren und viel, viel mehr wissen als ich, aber ich passe nicht dazu. Ich möchte keine graumelierten Fachdiskussionen führen, Verwandschaftsverhältnisse aufsagen können, meine »Sichtungserfolge« mit anderen vergleichen, beim Sonntagsspaziergang Tarnkleidung tragen, wissenschaftlich-auswertbare Erfassungslisten führen oder durch die halbe Republik jagen, um eine Seltenheit abzuhaken.

All das ist nicht meins. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass meine Art, mich für Vögel zu begeistern, anders, aber genauso wertvoll ist. Und dass es noch mehr Frauen geben muss, die weder in die khakifarbene Altherrenwelt der Ornis, noch in die ehrgeizige Sammelwelt der Twitcher passen.

Und genau an diesem Punkt der Erkenntnis habe ich die Vogelguckerin erfunden. Da ich Menschen wie mich lange nicht finden konnte, bin ich mit meiner Begeisterung rausgegangen: Ich fing an, auf Instagram und hier im Blog über Vögel und ihre Faszination zu reden und zu schreiben. Nach und nach habe ich dadurch genau die wunderbaren Menschen zu mir gezogen, die Vögel so sehen wie ich. Ich bin nicht mehr allein, juhu!

Schnell bildete sich auf Instagram eine wertschätzende, unterstützende Community aus Vogelguckerinnen, die ich sehr liebe. Dort treffe ich immer wieder auf andere tolle Frauen, mit denen ich mich auf Augenhöhe austauschen kann. In 2021 gründete ich „Las Divas Spektivas“, mein großartiges Birdrace Team mit vogelbegeisterten Frauen aus der ganzen Republik und heiratete den besten Birding-Buddy der Welt.

Nee, einsam bin ich beim Vogelgucken nicht mehr!

Meine Co-Diven Anna, Julia, Véro und Iris, mit denen ich in 2023 das Birdrace gerockt habe. (Kudos für unsere immer-tollen Teamfotos an Iris!)

Meine Mission

Ich weiß, dass es viele Frauen da draußen gibt, die mit ihrem Interesse für Vögel genauso alleine auf weiter Flur sind, wie ich es war, die ähnliche Anlaufschwierigkeiten haben, wie ich sie damals hatte, die nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen, um mehr zu lernen und gemeinsam zu wachsen. Das will ich ändern!

Weil mein Weg in die Wunderwelt der Vögel damals so lang, einsam und steinig war, will ich ihn für andere abkürzen. Deshalb teile ich meine besondere Art der Vogel-Begeisterung mit anderen. Meine Mission ist, besonders Frauen* für Vögel zu begeistern und ihnen die Tür zu dieser wundersamen Welt zu öffnen.

Ich hoffe, damit unsere Welt auch wieder zu einem besseren Ort für Vögel zu machen, denn genau wie Jane Goodall bin ich fest davon überzeugt, dass wir nur das schützen, was wir sehen, kennen und lieben. Und sind wir mal ehrlich: Vögel können jede Menge menschlicher Fans gebrauchen.

Nach vielen Gesprächen mit meinen Followern auf Instagram, habe ich im Frühjahr 2022 „Endlich Vögel sehen!“ erfunden. Das ist genau DER Vogel-Onlinekurs, den ich mir gewünscht hätte, als ich angefangen habe mit dem Vogelgucken. Bei den bisherigen Durchgängen hat sich gezeigt: Er funktioniert – und das macht mich sehr stolz.

Was ich niemals hätte planen können

Das Geheimnis der Vögel

Durch meine Beiträge auf Instagram wurde eine Produktionsfirma auf mich aufmerksam, die gerade eine Moderatorin für eine neue Art der Vogel-Doku suchte. So bekam ich die aufregende Chance, bei der dreiteiligen Vogel-Doku „Das Geheimnis der Vögel“ mitzuarbeiten. Von den Dreharbeiten habe ich hier im Blog schon einmal ausführlicher erzählt. Das hat riesen Spaß gemacht! Und ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, das du dir zurzeit wieder in der ARD-Mediathek anschauen kannst. Ich liebe das Intro!

Die netten jungen Kanadagänse lerne ich bei den Dreharbeiten zu „Das Geheimnis der Vögel“ im legendären Seewiesen kennen.

Die Superkräfte der Vögel

Kurz danach fragte mich der Franck Kosmos Verlag in Stuttgart, ob ich ein Vogelbuch für sie schreiben wolle. Diese Entscheidung war viel schwieriger, denn ich habe selbst lange in Verlagen gearbeitet und hatte mir geschworen, nie selbst ein Buch zu schreiben. Aber ich bin ja alt genug, um meine Meinung zu ändern. Außerdem wusste ich sofort, worum es gehen sollte: um die Superkräfte der Vögel. Also sagte ich nach anfänglichem Zögern zu.

Was dann geschah:

  • Statt an dem Buch zu schreiben, startete ich erstmal meinen Podcast „Vögel, aber cool!“, der in diesem Monat sein Einjähriges feierte.
  • Nachdem meine Bedenken-Hürde gefallen war, unterschrieb ich auch gleich noch einen zweiten Buchvertrag (von dem ich bestimmt bald erzählen darf).
  • Johanna Romberg (deren Buch Federnlesen mir den letzten Anschubs gab, als die Vogelguckerin in die Welt zu gehen) interviewte mich für die Flugbegleiter.
  • Mein Claim „Lass mehr Vögel in dein Leben!“ hat mein eigenes Leben verändert und führt dazu, dass ich in Kürze einmal quer durch die Republik ziehen werde.

Mein erstes Buch erscheint jetzt erstaunlicher Weise trotzdem bald und zwar am 20. September 2023. Junge, Junge, Junge.

Als ich damals meinen allerersten Artikel hier im Blog veröffentlichte, habe ich kaum zu hoffen gewagt, was ich jetzt immer wieder bestätigt bekomme: Das, was ich tue, verändert das Leben von Menschen. Und diese Menschen verändern dann ihrerseits wieder Leben. Sie engagieren sich im Taubenschutz, fangen noch mal an zu studieren, füttern die Vögel in ihrem Garten, geben Vogelführungen für Kinder, stecken andere um sich herum mit ihrer Vogelbegeisterung an. Wir alle ziehen Kreise in dieser Welt. Wir machen die Welt zu einem besseren Ort – für Vögel und für uns.

Every individual matters. Every individual has a role to play. Every individual makes a difference.

Jane Goodall, With Love (1999)

Ich freue mich riesig, dass wir immer mehr begeisterte Vogelguckerinnen werden, die auf ihre Weise die Welt verändern. Schön, dass du da bist!

Was ist deine Geschichte? Erzähl uns gerne in den Kommentaren von dir. Ich freue mich drauf, dich kennenzulernen!

von | 1. Sep 2023 | Persönliches

aktualisiert:
1. Sep 2023

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon in ihrer Kindheit interessierte sich Silke Hartmann für Vögel. Allerdings kannte sie niemanden, die oder der ihr diese Wunderwelt hätte zeigen können. So hat sie sich im Laufe der Zeit selbst beigebracht, Vögel zu sehen. Je mehr sie beobachtete und aus Büchern lernte, desto mehr begeisterte sie sich für Vögel und ihre Superkräfte. Sie bemerkte aber auch, wie schwer es für viele Vogelarten inzwischen ist, zu überleben. Deshalb gibt sie ihr Wissen jetzt als „die Vogelguckerin“ u.a. in Kursen, Büchern und ihrem Podcast „Vögel, aber cool!“ weiter, weil sie weiß, dass die Welt zu einem besseren Ort wird, wenn sich mehr Menschen für Vögel begeistern.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein neues KOSMOS-Buch: „Die Superkräfte der Vögel“

MDR-Doku: „Das Geheimnis der Vögel“

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