Mein Vogelmonat Mai 2026

Dieser Mai hat sich für mich meist angefühlt wie ein Blick durch eine Fensterscheibe: Draußen war das volle Leben und ich nur eine ferne Zuschauerin. Dachte ich im letzten Jahr schon, ich müsse diesen Rückblick ausfallen lassen, weil ich wegen Krankheit nichts zu erzählen hätte, kann ich da in diesem Jahr nur müde drüber lächeln. Diesmal war ich 5 Wochen am Stück krank. Was ist das bloß mit dem Mai?

Zwischen Bett und Couch war Fenster-Birding tatsächlich meist der einzige Naturmoment, den ich am Tag hatte. Und doch kann ich ein paar kostbare Vogelgeschichten erzählen, für die ich in diesem Monat besonders dankbar bin.

Live-Interview in Deutschlandfunk Kultur

Eines meiner Mai-Highlights war ein Interview bei Deutschlandfunk Kultur zur PrimeTime im Frühstücksradio bei Studio 9.

Als der Redakteur mich in der Woche davor anrief, um zu fragen, ob ich Lust auf das Interview hätte und um mögliche Themen zu besprechen, hatte ich schon Husten und geplatze Trommelfelle. Aber das schien mir in dem Augenblick kein Problem zu sein: Bis zum Interview wären ja noch zehn Tage Zeit.

Als sich der Redakteur am Tag vor der Sendung noch einmal meldete, um den Termin zu bestätigen, war ich aber leider immer noch krank. Und ehrlich gesagt klang ich am nächsten Morgen in der Sendung auch genau so, wie mir meine Mutter und mehrere Menschen aus meiner Community gleich im Anschluss bestätigten.

Trotzdem war das Gespräch überraschend entspannt. Das lag natürlich vor allem an der Moderatorin Julia Bamberg. Ich hatte sie vorab kurz recherchiert und wusste, dass sie schon bei Radio Bremen gearbeitet hatte. Sie hatte mich offensichtlich auch recherchiert und sprach mich in unserem kurzen Vorgespräch gleich auf meine Radio-Bremen-Erfahrungen an und wir schwärmten gemeinsam von meiner deutschen Lieblingsstadt Bremen. So waren wir optimal warmgequatscht und die Live-Schalte fühlte sich eher wie ein lockeres Gespräch an als wie ein klassisches Interview.

Da ich zwischenzeitlich ziemlich damit beschäftigt war, weder zu husten noch zu ersticken, klang ich wohl etwas mehr außer Atem als sonst, aber das Interview hat trotzdem großen Spaß gemacht hat. Ich durfte darüber sprechen, wie gut Vögel uns tun und wie leicht wir diese heilende Wirkung nutzen können.

Nach dem Interview ging ich direkt zurück ins Bett. Mit nahm ich das schöne Gefühl, dass sich zurzeit so viele Menschen für Vögel interessieren, dass ich sogar im bundesweiten Radio von ihnen erzählen darf. Dafür hat sich das frühe Aufstehen eindeutig gelohnt!

>> Hier kannst du dir mein neuestes Interview bei Deutschlandfunk Kultur anhören.

Ausflug zum Polder

Ein Ausflug zum Polder ist inzwischen eins meiner Vogel-Highlights hier und deshalb habe ich ihn in den letzten Jahren in mein Birdrace eingebaut. Das Birdrace musste in diesem Jahr ja leider für mich ausfallen, weil ich auf dem Sofa rumlag. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass der Frühling an mir vorbeizieht und ich ihn verpasse.

Umso schöner war es, als ich mich Ende des Monats endlich wieder fit genug für einen kleinen Ausflug zum Polder fühlte. Zum Glück hatten wir ein Auto und ich brauchte nicht weit zu dem kleinen, gut eingewachsenen Beobachtungsturm zu laufen. Von dort gibt es einen tollen Blick auf die Wasserfläche, man steht beim Beobachten im Schatten und ich konnte mich zwischendurch immer wieder hinsetzen.

Gleich schon zur Begrüßung sangen Dorngrasmücken, Fitisse und ein Schilfrohrsänger laut genug in meine kaputten Ohren, dass sogar ich sie hören konnte. Ganz nah am Turm turnte auch gleich ein Blaukehlchen rum, dass ich gut beim Singen sehen konnte.

Es war so viel los, dass ich zuerst gar nicht wusste, wo ich hinsehen sollte. Kiebitze schwankten durch die Luft, Kanadagänse schwammen imposant über den See, Löffelenten erschienen wie aus dem nichts am Schilfrand, in einem Baum saß ein Seeadler und am gegenüberliegenden Ufer entdeckte ich plötzlich einen Kranich im hohen Gras. Und dann noch einen.

Ich behielt die beiden im Augen und dann trat zwischen ihnen ein fluffiges Kranichküken auf eine freie Fläche. Nachdem viele Kraniche in den vergangenen trockenen Frühjahren nur wenig Nachwuchs großbekommen haben, war dieses Küken ein besonders schöner Anblick.

Dazu kamen Graugansfamilien mit Nachwuchs, kleine Stockentenküken und überall das Gefühl, dass der Frühling gerade auf seinem Höhepunkt war.

Ein weiteres Highlight wartete ein paar Meter weiter oben. Dort hatte ich ein Seeadlernest entdeckt, in dem ich immer wieder einen dunklen Kopf sehen konnte: ein Seeadlerküken! Bei genauerer Betrachtung tauchten dann auch beide Altvögel rund um den See auf. Ich beobachtete, wie sie immer mal wieder über das Schilf flogen und wieder rumsaßen. Den Moment, in dem sie erfolgreich bei der Jagd waren, habe ich verpasst, denn plötzlich sah ich, dass das Weibchen mit im Nest saß und ihren Nachwuch mit Beutestücken fütterte. Später stand der junge Seeadler am Nestrand und schlug mit den Flügeln. Lange dauert es wohl nicht mehr, bis er das Nest verlassen wird.

Nach so vielen Wochen, in denen ich das Gefühl hatte, draußen alles zu verpassen, bekam ich jetzt doch noch ein Stück Frühling ab. Ich war noch längst nicht wieder gesund, aber fit genug, um dort zu stehen, durch mein Fernglas zu schauen und mich zu freuen. Die beste Medizin von Welt, würde ich sagen.

Der Polder mit dem Blaukehlchen-Gebüsch im Vordergrund, den Kanadagänsen auf dem See und dem Seeadlerhorst am gegenüberliegenden Ufer.
Kranichfamilienalarm!!!
Das Seeadlerküken macht schon Muskeltraining auf dem Nestrand.

Besuch in der Wildtierauffangstation Rastede

Ende des Monats war ich mit dem NABU Cuxhaven bei einer Führung durch die Wildtierauffangstation Rastede.

Die Station gehört zu den wenigen offiziell anerkannten Wildtierauffangstationen und ist eine von nur vier Einrichtungen in Niedersachsen, die alle Tierarten aufnehmen dürfen. Gerade in der aktuellen Saison ist die Auslastung besonders hoch, da besonders viele Tiere abgegeben werden.

Einige der Jungvögel bräuchten aber eigentlich keine menschliche Hilfe und werden erst dadurch zum Notfall, weil sie von wohlmeinenden, aber übereifrigen Menschen von ihren Eltern getrennt werden. Damit dir das nicht passiert, lies hier, welcher Vogel wirklich deine Hilfe braucht.

Das Gelände der Wildtierauffangstation ist weitläufig und umfasst verschiedene Gebäude. Besonders toll war, dass mehrere Weißstörche auf dem Gelände brüten und sie ganz dicht über unsere Köpfe hinwegflogen. So nah habe ich das noch nie erlebt.

Der Leiter der Station erzählte von den Ursachen, warum Tiere dort landen: Kollisionen mit Autos oder Fensterscheiben, Verletzungen durch Müll wie Schnüre oder Kunststoffteile, Ölverschmutzungen, aber auch Beschlagnahmungen von illegal gehaltenen Tieren oder Abgaben.

Die Station ist kein dauerhafter Lebensraum für Wildtiere und schon gar kein Zoo, sondern eher ein Krankenhaus. Ziel ist es, die Tiere zu behandeln und so schnell wie möglich wieder in die Freiheit zu entlassen. Dabei sollen sie natürlich so wenig menschliche Kontakte wie möglich haben, weil die sie unnötig stressen. Verständlicherweise konnten wir deshalb auch nur wenige der Tiere sehen, die hier zurzeit sind.

Am eindrucksvollsten fand ich eine Voliere, in der eine gemischte Gruppe kleiner Singvögel wie Stieglitze, Bergfink oder Heckenbraunelle, lebt. Sie stammen aus illegaler Haltung und können nicht mehr ausgewildert werden. Bei näherer Betrachtung sah ich, dass einige der Stieglitze merkwürdig aussahen und klangen: Sie waren mit Kanarienvögeln gekreuzt. Menschen, argh.

Auch einige größere Vögel wie Jungeulen, Kiebitzküken und verschiedene Greifvögel konnten wir durch verspiegelte Mini-Fenster sehen. Hier hat mich die Geschichte eines Steppenadlerweibchens sehr berührt. Sie stammt aus einer Flugshow, für die sie zu erwachsen geworden war, und kann nicht mehr ausgewildert werden. In der Auffangstation zieht sie regelmäßig Jungen anderer Greifvögel groß.

Natürlich war es für mich super interessant, die Arbeit in einer Wildtierauffangstation näher kennenzulernen. Der Besuch dort hat mich auch daran erinnert, wie gedankenlos und rücksichtslos, aber auch wie wunderbar Menschen sein können.

Was sonst noch los war

  • Ich habe die Zeit genutzt, um 356 Vogelnamen aus dem Englischen zu übersetzen. Das hat mir großen Spaß gemacht. Wieso, weshalb, warum und was ich dabei gelernt habe, erzähle ich demnächst hier ausführlicher.
  • Schon im letzten Jahr wollte ich im Mai an den Schaalsee reisen und musste wegen Krankheit leider absagen. In diesem Jahr war ich zwar auch krank, aber habe durchgezogen. Nach drei Wochen rumhängen hatte ich wohl auch auf eine Blitzheilung durch Ortsveränderung gehofft. Stattdessen war ich einfach nur krank an einem anderen Ort. Trotzdem war es ein schöner Kurzurlaub, der mir nicht geschadet und dafür einen Pirol und eine Nachtigal geschenkt hat, zwei Vogelarten, die ich hier an der Küste eher nicht zu sehen und zu hören bekomme und über die ich mich sehr gefreut habe.
  • Mit den aktuellen Teilnehmenden meiner beiden laufenden Kurse war ich auf Vogelexkursion. Dabei habe ich mich so über all die tollen Erlebnisse und Fortschritte gefreut, von denen sie mir hinterher in unserem Live-Call erzählt haben.
  • Besonders leid tat mir, dass ich mein geplantes Vogelstimmen Webinar dreimal verschieben und zuletzt vorläufig absagen musste. Eines Tages werde ich es nachholen, versprochen.
  • On the bright side: Ich habe in diesem Monat wirlich viele Hörbücher gehört und sogar ein paar Bücher gelesen. In einigen davon kamen sogar Vögel vor. Von mindestens einem werde ich die Tage noch erzählen.
  • Die Austernfischer haben es sich wieder auf unserem Dach gemütlich gemacht, um zu brüten. Ich habe sie in den letzten Wochen oft hin- und herfliegen oder auf der Dachkante hocken sehen. Ich drücke ihnen für ihre Brut sehr die Daumen und freue mich darauf, demnächst ihre Küken durch den Garten wuseln zu sehen.
    Hier kannst du nachlesen, wie toll das im letzten Jahr war. Und hier welches Drama sich dann entspann.

Fazit

Dieser Monat ist definitiv nicht so gelaufen, wie ich ihn mir erhofft hatte. So viele verpasste Gelegenheiten, von denen so viele nicht zurückkommen werden. Dafür leuchten die wenigen Momente, die herausstechen, besonders hell für mich. Mein Körper brauchte offenbar viel Ruhe und das ist okay. Trotzdem wäre es toll, wenn ich im nächsten Mai mal wieder gesund bleibe.

von | 1. Juni 2026 | Tagebuch

aktualisiert:
1. Juni 2026

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon als Kind interessierte sich Silke Hartmann für Vögel, aber kannte lange niemanden, der diese Begeisterung teilte. Um Gleichgesinnte zu finden, ging sie ins Internet und merkte schnell, dass es vielen Menschen so geht wie ihr früher. Deshalb gibt sie jetzt ihr Vogelwissen und ihre Begeisterung in Onlinekursen, ihrem Podcast „Vögel, aber cool!“, ihrem Blog und auf Instagram weiter. Ihr erstes Buch „Die Superkräfte der Vögel“ wurde zum „Wissensbuch des Jahres 2024“ gewählt. Ihr zweites Buch „Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel“ richtet sich an Kinder ab 7 Jahre.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein 1. Buch: „Die Superkräfte der Vögel“

„Birding – Entdecke die Wunderwelt der Vögel“ – Mein Vogelbuch für Kinder ab 7

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1 Kommentar

  1. Hallo Silke,
    welche eine Freude ist es mir, dass ich über Judith Peters Deine webseite entdeckt habe. Die Begeisterung für Vögel kam bei mir erst mit meinen Fahrradtouren an der Ostseeküste entlang. Dort sah ich zum ersten Mal Kraniche (wie Du jetzt auch beim Ausflug zum Polder). Und seit diesem Frühjahr bin ich begeistert von all den Gänsen die bei uns am Niederrhein überwintern.
    Ich wünsche Dir einen fitten und sonnigen Juni.
    Liebe Grüße
    Heike

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