Die Magie des Vogelzugs

Eins meiner absoluten Vogel-Lieblingsthemen ist der Vogelzug. Ein Thema, bei dem ich gar nicht aufhören kann zu staunen. Ich liebe es zu staunen! Jede Vogelart hat ihr ganz eigene Strategie, ihre eigenen Methode und ihre eigenen Ziele. Es gibt so viel zu lernen und zu verstehen.

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Was ist der Vogelzug?

Als Vogelzug bezeichnen wir die Tatsache, dass die Vogelwelt eigentlich immer in Bewegung ist und viele Vögel zwischen ihren Brutgebieten und ihrem Winterquartier hin- und herfliegen.

Früher dachte ich, dass Vogelzug zweimal im Jahr stattfindet: im Herbst und im Frühjahr. Das stimmt aber nur so halb, denn Vogelzug ist fast immer. Irgendeine Art ist meistens auf dem Weg irgendwohin.

Was ist das Besondere am Vogelzug?

Viele Tierarten sind in Bewegung: Rentiere, Gnus, Bisons, Lachse, Monarchfalter, Buckelwale. Das ist auch cool und eindrucksvoll. Gegenüber Säugetieren haben Vögel einen entscheidenden Vorteil: Sie können fliegen. Und sie leben i.d.R. länger als Monarchfalter. Sie legen daher noch weitere Strecken zurück und ziehen dabei locker über menschgemachte Grenzen und natürliche Hindernisse hinweg.

Abenteuer Vogelzug

Ich habe das Gefühl, dass in unserer Gesellschaft unsere Faszination mit dem Vogelzug oft nicht weit genug geht und unser Interesse für eine Vogelart an den Grenzen unserer eigenen Länder aufhört. Unser Vorstellungshorizont reicht nur bis dorthin. Vögel fliegen im Herbst los und dann sind sie weg und dann kommen sie wieder und sind wieder da – fertig. Was sie sonst so sehen und erleben, daran denken die Wenigsten. Aber das Leben der Vögel geht ja jenseits unserer engen Ländergrenzen weiter. Stell dir doch nur mal vor, was die Vögel für Abenteuer auf ihren Reisen erleben, was sie alles sehen.

Rauchschwalben z.B. brüten hier bei uns beschaulich in ihren Lehmnestern an unseren Hauswänden und fliegen über Wiesen mit Kühen und Weißstörchen und über Seen mit Höckerschwänen und Stockenten. Und dann fliegen sie aus eigener Kraft Tausende Kilometer über Ländergrenzen hinweg, über die Alpen, das Mittelmeer, die Sahara, bis ins südliche Afrika. Da treffen sie dann Elefanten, Gnus, Sattelstörche und auch dieselben Weißstörche wie hier. Die haben sich zwischenzeitlich nämlich auch dorthin auf den Weg gemacht.

Hast du schon mal drüber nachgedacht, was eine Rauchschwalbe so alles sieht?

Faszination Vogelzug

Um das noch mal klarzustellen: Magisch ist am Vogelzug für Vögel mal so überhaupt nicht. Das ist knallharte Knochenarbeit für sie. Und gefährlich ist es außerdem.

Vögel, egal welcher Größe, fliegen hunderte, tausende Kilometer weit und finden zielsicher ihren Weg, ganz ohne Navi, ohne Straßenkarte, oft sogar ohne Artgenoss*innen und ohne eigene Erfahrung. Wir können uns diese unglaublichen Leistungen kaum vorstellen, weil wir von unserem begrenzten menschlichen Vorstellungsvermögen ausgehen, das sich an dem orientiert, was WIR Menschen können, uns vorstellen können. Wie auch sonst? Wir sind ja gefangen in unseren eigenen menschlichen Grenzen.

Die Wissenschaft hat uns in den letzten Jahren aber immer mehr geholfen, diesen engen Blick zu weiten. Das tut aber der Faszination keinen Abbruch, finde ich. Im Gegenteil. Es bleiben auch noch immer genug offene Fragen, die wir uns noch nicht beantworten können, und trotz wissenschaftlicher Erklärungen genug, das es zu bestaunen gibt, so dass dem Vogelzug trotzdem etwas Magisches oder zumindest Wundervolles bleibt.

Ausdauer

Vögel legen auf ihrem Zug viele tausend Kilometer zurück, teilweise ohne zu rasten. Rekordhalter ist die Pfuhlschnepfe. Sie fliegt in einem Rutsch von Alaska bis Neuseeland. Dafür braucht sie so um die 9 Tage und fliegt ca. 12.200km nonstop. Wenn sie in ihrem Zielgebiet ankommt, ist sie total abgemagert, hat ihre inneren Organe schrumpfen lassen, um noch ein bisschen mehr Energie aus ihnen rauszuquetschen und damit die weniger Energie benötigen. Nach dieser Monsterleistung braucht sie erstmal ein kleines Päuschen bzw. Schläfchen. Und was zu futtern!

Wir denken beim Vogelzug oft an die großen, sichtbaren Vögel, wie verschiedene Gansarten, Kraniche, Weißstörche. Aber den Großteil der Zugvögel stellen die Kleinen, kaum sichtbaren. Die fliegen auf dem Zug dann auch mal von Gebüsch zu Gebüsch, aber über die Meere schaffen sie es trotzdem. Wintergoldhähnchen aus Nordeuropa überqueren auch die Nord- oder Ostsee und das nicht zwangsläufig auf kürzestem Weg. Das Wintergoldhähnchen, das den Zugrekord hält, ist vom dänischen Bornholm bis nach Algerien geflogen.

Die Küstenseeschwalbe brütet in der Arktis, also an den Küsten von Grönland, in Island und Skandinavien. Von dort aus fliegt sie – immer an den Küsten entlang – vorbei an Europa, umrundet halb Afrika und fliegt bis ins Südpolarmeer. Dort verbringt sie den Winter. Sie ist damit der Zugvogel mit der allerlängsten Zugstrecke. Sie ist auch das Wesen, das im Jahr am allermeisten Tageslicht abbekommt. Wenn sie in der Arktis brütet, ist dort Polarsommer, es ist 24 Stunden lang hell. Wenn es dort anfängt dunkler zu werden, zieht sie mit dem Sonnenlicht in den Antarktischen Sommer, wo es auch wieder 24 Stunden hell ist. Für 8 Monate im Jahr geht bei ihr die Sonne nicht unter. So hat sie immer das beste Nahrungsangebot.

Der Hauptgrund für den Zug ist das sich ändernde Futterangebot, nicht die Temperatur.

Eine Frage der Energie

Fliegen ist ein Kraftakt für Vögel, bei dem sie viel Energie verbrauchen. Ihre Flugmuskeln sind riesig und, im Vergleich zu ihrem restlichen Körper, tonnenschwer.

Große Vögel nutzen Aufwinde, die Thermik und segeln so oft sie können mit dem Wind. Wenn sie in großen Trupps fliegen, können sie sich auch gegenseitig unterstützen, indem sie im Formationsflug. Dabei surfen quasi auf der Bugwelle ihres Vordervogels mit. Das funktioniert in der Praxis nicht so gut, wie wir das in theoretischen Modellen berechnet haben, aber ordentlich Energie können sie so trotzdem einsparen.

Die meisten kleinen Vögel können das jedoch nicht. Sie ziehen hunderte Kilometer und werden dabei mit purer Muskelkraft vorwärts getragen. Flügelschlag für Flügelschlag. Sie zehren dabei ihre Fettreserven auf, die sie sich vorher mit möglichst energiehaltiger Nahrung angefuttert haben.

Größere Vögel haben die Herausforderung, genau den richtigen Abflugmoment zu erwischen. Wenn sie sich zu viel Fett anfuttern, verbrauchen sie bei höherem Gewicht mehr Energie, als sie die zusätzliche Energie weiterträgt. Aber jede zusätzliche Landung, um nachzufuttern, verbraucht ebenfalls unnötig Energie. Sie müssen auf dem Zug also permanent abwägen zwischen Weiterfliegen und Zufressen.

Mittelgroße Vögel haben das beste Verhältnis von Energieverbrauch und Körpermasse. So wie die Pfuhlschnepfe. Und obwohl sie das letzte bisschen Energie aus ihrem Körper rausquetscht, verstehen wir trotzdem nicht, wie genau sie das macht. Laut wissenschaftlichen Berechnungen von Energieaufnahme und Energieverbrauch müsste ihr eigentlich unterwegs lange vor dem Ziel der Saft ausgehen. Tut er aber nicht. Faszinierend.

Orientierung

Manche Vögel orientieren sich auf ihrem Zug an Landmarken wie Flüssen, Bergen oder auch Autobahnen und lernen ihre Zugstrecke von ihren Artgenoss*innen. Dazu gehören beispielsweise die Kraniche. Die fliegen gemeinsam, sparen so Energie und folgen festen Routen, die sie sich gegenseitig beibringen.

Der Kuckuck hingegen kann nicht auf dieses Schwarm- oder Elternwissen zurückgreifen. Er kennt seine leiblichen Eltern nicht und auch keine Artgenossen. Ihm ist sein Zugverhalten und auch das Wissen über die Richtung, in die er fliegen sollte, angeboren. So macht er sich wenige Wochen nach seinem Schlupf ganz alleine auf den Weg ins ferne Afrika. Wir ahnen zwar schon, wie das geht, wissen es aber noch lange nicht.

Viele Vogelarten, die ziehen, haben einen 6. Sinn – und das nennen wir ganz unesoterisch wirklich so. Vögel nehmen mehr wahr als wir Menschen. Unter anderen können sie das Magnetfeld der Erde sehen.

Das Magnetfeld ist wie eine Art Mantel, der die Erde umschließt. Wir stellen uns vor, dass er aus Feldlinien gewebt ist, die zwischen den Polen, also zwischen Südpol und Nordpol verlaufen. Über dem Äquator senkt er sich dieser Magnetfeldmantel ab und verläuft dort fast waagerecht zur Erdoberfläche, an den Polen geht er fast senkrecht von der Erde weg. Der Neigungswinkel und auch die Intensität dieses Magnetfelds, also die Feldstärke, ist an jedem Ort der Erde unterschiedlich.

Wir wissen inzwischen, dass sich viele Vogelarten auf ihren Wanderungen am Magnetfeld orientieren. Das Magnetfeld funktioniert aber nicht wie ein Kompass, der sich nach Norden oder Süden ausrichtet, sondern das Magnetfeld zeigt den Vögeln, in welche Richtung der Äquator liegt. Sie wissen also immer, ob sie sich Richtung Äquator oder weg vom Äquator bewegen. Sie scheinen das Magnetfeld optisch wahrzunehmen, es also sehen zu können. Aber wie dieses Magnetfeld für die Vögel tatsächlich aussieht, werden wir uns wohl nie vorstellen können.

Vogelzug erleben

Das Tolle am Vogelzug ist also, dass ich darüber so viel staunen kann. Auch mit all den wissenschaftlichen Erklärungen, die wir inzwischen haben, bleibt er immer noch so voller Wunder. Das Coole ist: Wir können Zeug*innen dieser Wanderbewegungen in der Vogelwelt sein und auch den Zug selbst erleben, wenn wir wissen, worauf wir achten dürfen. Und genau diese tolle Zeit beginnt grade wieder so richtig.

  •  Kraniche, die in großen Trupps trompetend über uns hinwegfliegen,
  •  Stare, die in riesigen Schwärmen wabernde Luftkunstwerke an den Himmel zaubern,
  •  Rohrammern, die im zuckenden Wellenflug von dannen ziehen,
  •  Sommervögel, die von einem auf den anderen Tag plötzlich wieder verschwunden sind,
  •  Entenscharen, die eines Morgens wie vom Himmel gefallen auf unserem Stadtteich schwimmen,
  • Wintergäste, die plötzlich wieder am Futterhaus auftauchen.

Ich finde das toll. Und je mehr Hintergrundwissen ich zum Vogelzug bekommen habe, desto begeisterter und faszinierter bin ich von den Leistungen der Vögel und desto mehr Veränderung nehme ich um mich wahr.

Weil der Vogelzug so großartig ist, kommt er natürlich auch in meinem Buch vor: Die Superkräfte der Vögel. Da erzähle ich noch ein bisschen mehr zu den Hintergründen und es gibt noch mehr supercoole Vogelzug-Geschichten. Das Buch erscheint am 20. September 2023 und du kannst es bereits vorbestellen.

Willst du mehr zum Vogelzug erfahren und wie du ihn am besten miterleben kannst? Dann ist mein Workshop »Vogelzug und was hab ich davon?« genau das Richtige für dich. Danach wirst du die Vogelwelt um dich herum mit anderen Augen sehen!

Bist du auch ein Vogelzug-Fan? Erzähl mir gerne von deinen Erlebnissen in den Kommentaren ⬇️

von | 8. Sep 2023 | Podcast, Vogelwissen

aktualisiert:
9. Sep 2023

Silke Hartmann, die Vogelguckerin

Schon in ihrer Kindheit interessierte sich Silke Hartmann für Vögel. Allerdings kannte sie niemanden, die oder der ihr diese Wunderwelt hätte zeigen können. So hat sie sich im Laufe der Zeit selbst beigebracht, Vögel zu sehen. Je mehr sie beobachtete und aus Büchern lernte, desto mehr begeisterte sie sich für Vögel und ihre Superkräfte. Sie bemerkte aber auch, wie schwer es für viele Vogelarten inzwischen ist, zu überleben. Deshalb gibt sie ihr Wissen jetzt als „die Vogelguckerin“ u.a. in Kursen, Büchern und ihrem Podcast „Vögel, aber cool!“ weiter, weil sie weiß, dass die Welt zu einem besseren Ort wird, wenn sich mehr Menschen für Vögel begeistern.

Moin, ich bin Silke,

wie schön, dass du da bist! Hier berichte ich dir Wunderbares und Wundersames über Vögel und ihre Welt. Außerdem erfährst du, wie du anfängst, sie schnell selbst zu sehen und immer besser darin wirst. Komm mit auf die Reise!

Mein neues KOSMOS-Buch: „Die Superkräfte der Vögel“

MDR-Doku: „Das Geheimnis der Vögel“

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