Was der Schnabel über den Vogel verrät

Auf den Schnabel eines Vogels zu achten ist immer eine gute Idee, trägt er doch dazu bei, jeder Art ihr individuelles Aussehen zu geben. Mit einem Blick auf den Schnabel kannst du einen Greifvogel von einer Ente und eine Amsel von einem Kernbeißer unterscheiden und einen Vogel so schon einmal grob einer Gruppe zuordnen. Aber wusstest du schon, dass auch jede Schnabelform etwas über die Lebensgewohnheiten der Vögel verrät?

Der Schnabel besteht aus festem Hornmaterial, das unseren Knochen ähnlich ist. Trotzdem sind Schnäbel empfindlich. Sie nutzen sich durch Beanspruchung ab und wachsen wie unsere Fingernägel lebenslang nach. Aber die Grundform ihrer Schnäbel bekommen die Vögel bereits ins Ei gelegt.

Es gibt viele verschiedene Schnabelformen. Sie sind perfekt an die Nahrung angepasst, die diese Vogelart am liebsten frisst. Oder ist es umgekehrt? Na, egal. Wichtig zu wissen ist aber, dass Vögel ihre Nahrung fast immer ganz hinunterschlucken. Vögel kauen in der Regel nicht; wie auch ohne Zähne?

Aber was genau verrät denn jetzt die Schnabelform? Komm mit auf Spurensuche:

Pinzettenschnabel

Vögel, die gerne weiche Nahrung wie Beeren, Würmer, Insekten zu sich nehmen, haben einen spitzen, schmalen, geraden Schnabel, der Pinzettenschnabel genannt wird. So können sie prima in der Erde nach Regenwürmern stochern und an Obst picken. Ein schönes Beispiel dafür sehe ich in unserem Garten oft: Amseln, die in Äpfeln tockern.

So einen Pinzettenschnabel haben neben Amseln zum Beispiel auch Wacholderdrosseln, Stare, Rotkehlchen, Bachstelzen, Zilpzalpe, Mönchsgrasmücken und Buntspechte.

Beispiele für Pinzettenschnabel: (li–re) Amsel, Rotdrossel, Buntspecht, Kleiber, Star

Kegelschnabel

In meiner Welt wird der Kegelschnabel auch Finkenschnabel genannt, das ist aber nichts Offizielles, hilft mir aber, es mir vorzustellen. In echt heißt er sonst auch noch Kompaktschnabel und das passt auch sehr gut: Er ist vorne spitz und an der Basis breit. Er wirkt insgesamt sehr kräftig. Das muss er auch sein, denn seine Trägerinnen bevorzugen Körner, Samen und Nüsse, die man mit so einem Schnabel prima aufknacken kann.

Berühmte Vertreter dieser Schnabelform sind Kernbeißer (hallo, vorbildlich!), Buchfinken, Gimpel, aber auch der Stieglitz, die Blaumeise und die Goldammer.

Beispiele für Kegelschnabel: (o) Blaumeise, Grünfink, Spatz; (u) Kernbeißer, Buchfink, Gimpel

Hakenschnabel

Hakenschnabelträger sind finstere Gesellen. Na ja, wir wollen mal nicht übertreiben. Der Hakenschnabel ist kräftig und an den Rändern scharf. Der Oberschnabel ist gekrümmt und länger als der Unterschnabel. Durch diese Wölbung entsteht der Haken. Diese Schnabelform haben einerseits Fleischfresser und sie hilft Ihnen dabei, ihre Beute zu töten und zu zerkleinern. Die Größe des Schnabels ist dabei abhängig von der Größe der Beutetiere (oder ist es wieder umgekehrt?). Aber auch Papageien haben einen Hakenschnabel. Einige von ihnen sind sogar in der Lage, damit zu kauen. Papageien nutzen ihn außerdem als Kletterhilfe, um sich damit am Baum festzuhaken.

Alle Greifvögel und Eulen haben so einen Schnabel, also zum Beispiel Turmfalken, Uhus, Seeadler und Waldkauze, aber auch alle Papageienarten.

Beispiele für Hakenschnabel: (o) Turmfalke, Grünflügelara, Gelbschopfkakadu; (u) Schleiereule, Allfarblori, Wanderfalke

Löffelschnabel

Naknaknak. Diese breiten, unten flachen und vorne runden Schnäbel kommen bei Wasservögeln vor. So ein Löffelschnabel ist praktisch, wenn man Pflanzenteile abrupfen will und das Wasser nach Nahrung filtriert. Auch gründeln oder tauchend nach Nahrung suchen klappt mit diesem Schnabel super.

Stockenten sind mit so einem Entenschnabel ausgestattet, ebenso wie Höckerschwäne, Graugänse und alle anderen Enten, Schwäne und Gänse dieser Welt.

Beispiele für Löffelschnäbel: Stockente (Weibchen, fehlfarbend), Höckerschwan, Nilgans

Sägeschnabel

Der Sägeschnabel ist eine tolle Spezialform: Er ist lang und hat an den Rändern Widerhaken bzw. Sägezacken. Vorne ist er entweder spitz und somit stromlinienförmig oder hat einen Haken. Diese Schnäbel wirken eher kräftig und sind manchmal auch noch zusätzlich verstärkt. Besonders praktisch ist der Sägeschnabel für Fischfresser, die ihre schlüpfrige Beute damit gut festhalten können.

Pinguine haben so einen Schnabel, aber auch Kormorane und Reiher, Eisvögel und Basstölpel.

Beispiele für Sägeschnabel: (o) Prachtfregattvogel, Basstölpel; (u) Graureiher, Kormoran, Galápagos-Pinguin

Allesfresserschnabel

Der Multitalentschnabel, mit dem Vogel nichts so richtig gut, aber alles gut genug kann. Er ist weder besonders lang noch besonders spitz noch besonders kräftig, aber eignet sich gut, um von allem etwas zu essen: kleine Säugetiere, Früchte, Nüsse, Samen, Insekten, andere Vögel oder menschliche Abfälle – was halt grade so da ist.

Wie du dir denken kannst, passt so ein Multitalentschnabel prima zu den klugen Alleskönnern: Elstern, Krähen, Raben, Dohlen und Eichelhäher sind damit beispielsweise ausgestattet.

Beispiele für Allesfresserschnabel: Elster, Eichelhäher, Rabenkrähe, Schildrabe

Sondierschnabel

Diese Schnabelform gibt es vor allem bei Vogelarten, die gerne in Schlick und Matsch nach proteinreicher Nahrung suchen. Mit ihrem langen, schmalen, spitzen Schnabel können sie prima in seichtem Wasser oder im Watt herumstochern und behalten dabei ein sauberes Gefieder. Die Schnabelspitze ist dabei sehr feinfühlig und kann von einigen Watvögeln unabhängig vom restlichen Schnabel geöffnet werden.

Pfuhlschnepfen, Säbelschnäbler und der Große Brachvogel sind eindrucksvolle Vertreter dieser Schnabelart.

Beispiele für Sondierschnabel: (o) Pfuhlschnepfe, Dunkle Wasserläufer; (u) Säbelschnäbler, Großer Brachvogel

Die Spezialisten

Schnäbel sind so vielfältig, dass nicht alle Arten in diese Muster fallen. Hier noch eine kleine Auswahl von weiteren Schnabelformen, die perfekt an die Nahrung angepasst sind:

Kreuzschnabel

Über diesen Spezialschnabel verfügen beispielsweise Fichtenkreuzschnäbel. Die Enden von Ober- und Unterschnabel überkreuzen sich vorne. Damit können sie besonders gut Samen aus Zapfen hebeln

Kescherschnabel

So einen Kescherschnabel haben Pelikane. Er ist lang und hat einen angebauten Kehlsack. Mit diesem können Pelikane unter Wasser einen Unterdruck erzeugen, der Fische quasi automatisch in ihren Kehlsack zieht.

Röhrenschnabel

Kolibris und Nektarvögel haben einen Röhrenschnabel, mit dessen Hilfe sie Nektar aus Blüten saugen können.

Filtrierschnabel

So einen Spezialschnabel haben ausschließlich Flamingos, obwohl auch einige Entenarten wie unsere Stockente filtrieren können. Der Oberschnabel von Flamingos ist viel größer als der Unterschnabel und sie passen auch nicht richtig aufeinander. Dieser Spalt hilft beim Filtrieren des Wassers nach Algen und Kleinstlebewesen. Ein ordentlicher Flamingo filtriert übrigens kopfüber.

Beispiele für Spezialschnäbel: Chilepelikan, Fichtenkreuzschnabel, Kolibri, Chileflamingo